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Der unbekannte Gott und doch Herr der Welt


Die Existenz eines Gottes kann kein Mensch beweisen, darüber besteht Einigkeit. Trotzdem glauben die meisten Menschen an ein höheres Wesen. Mehrere Milliarden Menschen sind mehr oder minder religiös, damit meine ich, dass sie einer religiösen Organisation angehören und regelmäßig religiöse Praktiken vollziehen. Bei denen gehört also Glaube, Gott und Religion zum normalen Selbstverständnis dazu. Und es gibt viele Millionen Menschen, die sich sogar als Gläubige Menschen bezeichnen. Die sich also ganz bewusst entschieden haben ein Leben mit Gott zu führen. Religion oder Glaube kann man also mit Recht als ein Grundbedürfnis des Menschen bezeichnen. Das hat sich über die Jahrtausende, seit es den Menschen gibt, nicht verändert. Die Existenz Gottes kann man nicht beweisen aber das Leben und die Geschichte der Menschheit und der Menschen gibt Zeugnis für Gott.

Alle Menschen brauchen für ihr Leben eine Grundlage. Das ist wichtig für ihr persönliches Selbstverständnis, für ihr Gefühl von Dazugehörigkeit, Heimat und Geborgenheit und für ihren Umgang mit Beruf, Familie, mit sich selber und als Grundlage für richtiges Handeln, für Ethik und Moral – also für ihre Wertvorstellungen. Wertvorstellungen sind dabei entweder Religiös begründet oder beruhen in den westlichen Ländern auf dem Humanismus - sind also Philosophische Vorstellungen. Bei vielen Menschen vermischen sich sicher heute beide Vorstellungen und auch die christlichen Kirchen selber sind mehr oder minder vom Humanistischen Gedankengut durchdrungen. Selbstverständnis, Ethik und Moral religiös zu begründen ist eine Glaubenssache. Wenn also der Glaube an eine höhere Macht mein Leben prägt, so ist das für mich kein Thema. Kann ich jedoch Selbstverständnis, Ethik und Moral auch ohne Glauben begründen? Das ist ein Frage, der ich zunächst nachgehen will. Ich betrachte dabei die Entwicklung der westlichen Denktradition; also die Philosophie der Antike, des Mittelalters, der Neuzeit bis Heute.

Es ist keine Wissenschaftliche Abhandlung, sondern ich will versuchen anhand von einigen Höhepunkten der Philosophiegeschichte die großen Paradigmenwechsel der Geschichte aufzuzeigen. Wenn ich dabei Namen nenne, so stehen diese stellvertretend für viele andere bedeutende Persönlichkeiten die nicht genannt werden und für  so einen Paradigmenwechsel. Ich nenne mehr oder minder nur Stichworte die ich aneinanderreihe und in einen Zusammenhang bringe. Ich will dabei drei große Epochen herausstellen. Die Antike Philosophie, als Zeit der Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen. Die Philosophie der Neuzeit, als eine Zeit, wo der Mensch die Natur und damit die ganze Welt unter seine Gesetze zwingen will. Und die heutige Zeit, wo der Mensch ernüchtert auf sich selbst zurückkommt.

Bis vor etwas 2600 Jahren war das Denken der Menschen auf der ganzen Welt von Mythen und Religiosität geprägt. Es ging dabei wie auch heute um die drei großen Bereiche des menschlichen Lebens: woher komme ich, wohin gehe ich und wie kann ich richtig leben. Also um Schöpfung, um ein richtiges Leben im Diesseits und um das Leben im Jenseits. Vom Prinzip hat sich daran in den Jahrtausenden nichts geändert. Geändert hat sich nur der Umfang des Wissens der Menschen nicht unbedingt die Qualität des Wissens. Vor etwa 2600 Jahren begann fast gleichzeitig in verschiedenen, von einander getrennten Kulturkreisen, das Nachdenken der Menschen über sich selber und die Welt. Der Mensch wollte sich nicht mehr mit der Welt so abfinden wie er sie vorfand, sondern er wollte die Welt mit seiner Denkmöglichkeit verstehen.  Die Wiege der Antiken Philosophie stand in Ionien. Ionische Naturphilosophen begannen damit den Ursprung der Welt auf natürliche Ursachen zurückzuführen. Der Weg des Erkennens führte sie über die sinnliche Wahrnehmung hinaus und ihr Ansinnen war es eine Wahrheit finden, die hinter der begrenzten sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeit des Menschen liegt. Sie  versuchten dabei die Komplexität und Vielgestaltigkeit der Welt auf einfache Zusammenhänge und Prinzipien zurückzuführen. Als erstes ging es um den Ursprung der Schöpfung.  Für einige der damaligen Philosophen war es das Wasser, für andere die Luft oder das Feuer, was Urstoff der Schöpfung sein sollte. Dann ging es natürlich auch um das Werden und um Veränderung. Was bewegt diese Welt und welche Kräfte stehen hinter dem vorhandenen Materiellen und sind der Ursprung des Seins. Für Demokrit waren es kleinste Teilchen, Atome, die die Materie für alles Sein sind und sich mehr oder minder zufällig zum Materiellen zusammenballen. Heraklit prägt den Satz alles fließt und damit war für ihn der Weltenlauf ein ständiges dynamisches Werden und Vergehen. Parmenides brachte alles auf den Punkt indem er feststellte: „ das Sein ist“. Das führte zu einer Verdoppelung der Welt. In eine wirkliche Welt, wo wirkliches Sein ist und in die Welt in der wir leben und die wir erleben – die aber nur ein unvollkommenes Abbild der wahren Welt ist. Die folgenden Philosophen machten sich daran diese jenseitige Welt und unser Verhältnis zu ihr zu ergründen.

Im 5. Jahrhundert vor Christus begann mit Sokrates eigentlich erst die Zeit des wirklichen philosophischen Nachdenkens. Es ging ihm nicht um das Erzählen von neuen Mythen sondern um wirkliche intellektuelle Erkenntnis des Guten, Wahren und Schönen. Er wollte die Menschen mit in seine Überlegungen einbeziehen – dafür nutzte er die neue Form des Dialoges. Mit dieser wollte er die Menschen in Denk - Widersprüche hineinführen um dann wie eine Hebamme neue Erkenntnisse Zutage zu fördern. Es ging ihm darum wirklich zu wissen - nicht zu meinen. Weil er alles, auch die Götter, in Frage stellte und mit allen, besondern natürlich auch der Jugend, ausgiebige Dialoge führte, war das der damaligen Staatsführung überaus suspekt. Er wurde er zum Staatsfeind erklärt und zum Tode verurteilt. Wie er den Tod annahm, hat damals sehr viele Menschen stark beeindruckt.

Einer seiner Schüler, der von seinem Tode auch sehr beeindruckt war, war Platon. Er war davon geschockt, dass ein Staat einen redlichen und ehrlichen Bürger ohne vernünftigen Grund hinrichten kann. Dieses Ereignis sollte für sein zukünftiges Leben und Denken prägend sein. Platon war sich sicher, dass der Mensch mit seinem Verstand gesichertes Wissen erreichen kann. Sein Hauptanliegen war zu ergründen, wie der Mensch zu wirklichem Verstandeswissen kommt um damit Ethik, Moral und sein Handeln zu begründen. Erkenntnisse über Sinneseindrücke waren für ihn nicht so maßgeblich, weil diese nur relativ sind. Deshalb war es sein größtes Problem zu erklären, wie der Mensch etwas benennen kann. Wie kommt der Mensch zum Beispiel dazu etwas rot oder schön zu nennen. Zur Erklärung stelle er die Theorie einer Ideenlehre auf. Es gibt die wahren Dinge nur in einer Ideenwelt – war wir sehen sind nur Erscheinungen dieser wahren Ideen oder Universalien. Die wahren Begriffe wie das Gute, Wahre, Schöne sind nach seiner Ansicht für den Menschen nicht klar ersichtlich, sondern sind in der Welt der Ideen verborgen. Diese Welt ist für den Menschen nicht zugänglich sondern die Menschen sehen nur Schatten der wahren Ideen. Der Mensch muß mit Gewalt von seinen Fesseln, die ihn in der Welt festhalten, befreit werden, damit er dann den schmerzlichen Weg zum Licht der Erkenntnis gehen kann. Er vergleicht das Licht der Erkenntnis mit unserer Sonne, die ja uns zum einen das Leben erhellt zum andern der Quell alles Lebens ist. Erst wenn der Mensch den beschwerlichen Weg vom Meinem zum Wissen gegangen ist, wird er von der wahren Sonne erleuchtet und diese erleuchtet ihn und so wird er dann in der Lage sein richtig zu Leben und zu Handeln. Seine Erkenntnisse hat er in Gleichnissen, dem Höhlengleichnis, dem Sonnengleichnis und dem Liniengleichnis, dargelegt. Nur durch die kritische Instanz des Logos und in einer prüfenden und rationalen Diskussion unter gleichwertigen Diskussionspartner kann Wissen begründet sein. Deshalb konnten für ihn nur Philosophen wahre Herrschaft ausüben.

Ein zweiter bedeutender Philosoph der Antike, dessen Gedanken die Geistesgeschichte für die nächsten Jahrtausende bis heute prägt war Aristoteles. Für Aristoteles waren die Ideen des Platon zu spekulativ und für das Leben nicht anwendbar. Das Anliegen des Platon war es zu erklären wie der Mensch den Dingen Eigenschaften zusprechen kann. Für Aristoteles waren die Eigenschaften von Dingen einfach nur die Eigenschaft von Aussagen über Dingen – also eine Sache des Satzbaus in beschreibenden Sätzen. Eigenschaften wie rot, schön, hell, dunkel sind nicht Universalien in einer Ideenwelt sondern nur von Menschen im Satz eingesetzt um auszudrücken was sie empfinden. Wahr und Falsch sind nicht Eigenschaften von Dingen sondern nur Aussagen über die Eigenschaft von Dingen. Aristoteles ging es darum die Welt mit den Mitteln des Menschen zu beschreiben. Die Sinnesorgane des Menschen sind zwar nicht perfekt aber mit ihnen muß der Mensch auskommen und die Grenze zu einer Überwelt darf dabei nicht überschritten werden. Für Aristoteles hat sich der menschliche Geist in einer Art Stufenleiter entwickelt. Im Laufe seiner Entwicklung hat der Mensch Erfahrungen gemacht. Erfahrungen waren wichtig für sein Überleben und eine wichtige Eigenschaft des Menschen ist es, das er aus seinen Erfahrungen lernen kann. Weil der Mensch im Laufe seiner Entwicklung immer mehr Zeit übrig hatte die er nicht zum Überlebenskampf brauchte, hatte der Mensch auch Zeit für Erfahrungen als Selbstzweck. Der Mensch wird frei für etwas Neues, er lernte das Staunen und er strebte nach Verbesserung und nach Wissen. Im Staunen liegt für Aristoteles der Grund für alle Wissenschaft und Philosophie. Der Mensch fragt nach dem Wie. Wie funktioniert dies und das und er lernt Techniken und Kunstfertigkeiten die sein Leben erleichtern. Weil der Mensch eine Sprache hat, hat er damit auch ein zeitloses und kollektives Gedächtnis. Nach der Auseinadersetzung mit dem Wie lernte der Mensch zum Schluß auch nach dem Warum zu fragen. Das ist der Beginn der Wissenschaft.

In seiner Stufentheorie verbindet Aristoteles das Wissen der damaligen Zeit zu einer einheitlichen und einleuchten Lehre. Da ist als Erstes die Materie. Es ist der Urstoff aus dem alles besteht. Diese Materie ist das Sein als Ausgangspunkt. Diese Materie wartet darauf gestaltet zu werden. Diese Gestaltung übernimmt die Form. Die Form ist die gestaltgebende Kraft die der Materie die Form vorschreibt. Und die Form ist auch der Endpunkt des Seins. Dann gibt es noch treibende Kräfte. Erstens eine Wirkursache die bewirkt, dass eine Ursache immer eine Wirkung hervoruft . Und es gibt noch eine Kraft die allem eine Richtung vorgibt – eine Zweckursache. Diese vier Grundformen, Materie, Form, Wirkursache und Zweckursache sind die Bedingung dafür dass es Leben gibt. Die Materie ist für Aristoteles nur dann sichtbar, wenn sie von der Form gestaltet ist. Nur die Form, die Idee oder gestaltgebende Schöpferkraft ist wirklich. Den höchsten Grad der Wirklichkeit hat Gott. Er ist die reine Form und bedarf deshalb weder der Materie noch weiterer Ursachen. Gott ist der unbewegte Beweger, er ist unbedingt und selbständig. Aristoteles hat auch das Wesen von Eigenschaften untersucht. Nach ihm gibt es zufällige und wesentliche Eigenschaften. Ich bin krank ist eine zufällige Eigenschaft die gerade zutrifft oder auch nicht; ich bin ein Mensch ist eine wesentliche Eigenschaft die mein Wesen ausmacht. Aristoteles gibt uns eine Beschreibung von der Welt und ihren Zusammenhängen die bis heute modern ist weil sie dem natürlichen Menschverstand entspricht.
Platon und Aristoteles waren die maßgeblichen Philosophen der Antike. Von ihnen gingen die bedeutendsten und nachhaltigsten Impulse für das Denken der nächsten Jahrtausende bis heute aus. In der Antike gab es auch weitere bedeutende Philosophen und Naturwissenschaftler, die  direkt oder auch indirekt für unser heutiges Denken maßgeblich sind. Die christliche Religion ist ohne ihre Philosophie nicht denkbar und sie haben den Grund gelegt für die heutige Geistes- und Naturwissenschaften. Damit das deutlicher wird, will ich noch mal einige geläufige Namen und ihre wesentlichen Gedanken nennen.
- Demokrit: seine Atomlehre von den kleinsten Teilchen,
- Sokrates: die Dialektik als Methode zur Erkenntnisgewinnung,
- Platon: Teilung der Welt in zwei Welten, wesentlicher Einfluß auf Augustinus,
- Heraklon: alles fließt, es ist alles ein werden und vergehen
- Archimedes: Hebelgesetz, Zahl pi, Wasserverdrängung
- Zenon: unendliche Reihe der Mathematik, die Paradoxa des Zenon
- Thales: der Satz des Thales in der Mathematik
- Pythagoras: der Satz des Pythagoras in der Mathematik
- Euklid: Geometrie
- Cicero: großer Einfluß auf Augustinus

-         Aristoteles: vier Stufen Theorie, Überlegungen zur Logik die in der Scholastik Werkzeug für die Lehre werden

Die Grundlagen für unser Leben und Denken heute wurden in der Antike gelegt. Die ersten Philosophen führten die Menschen heraus aus der Welt der Mythen in die Welt des Verstandes. Die Atomlehre war der Beginn des Materialismus und des  naturwissenschaftlichen Denkens. Damit wurde die Welt aus ihrer Unordnung herausgeholt und in die Welt der Kausalität überführt.  Die Frage nach dem Sein und Werden wurde definiert und damit die Grundlage für die Geisteswissenschaft gelegt. Wissen muß begründet sein und dafür wurden die Werkzeuge der Dialektik, der Reduktion und der Logik geliefert.

Mittelpunkt der geistigen Welt war in der Zeit der Antike von 300 vChr. bis 600 nChr Alexandria. Diese Stadt war der Schmelztiegel des Wissens der damaligen westlichen Welt. In der riesigen Bibliothek lagerten 700.000 Schriftrollen aus der ganzen Welt und in ihr forschten und lehrten die bedeutendsten Gelehrten der damaligen Zeit. Die Alexandrinische Schule steht für eine Freiheit und Dynamik des Geistes wie wohl nie wieder in der Menschheitsgeschichte. Es gab sogar Verbindungen nach Indien und im Neuplatonismus spiegeln sich  vermutlich auch buddhistische Einflüsse. Auch die Juden hatten ihren Anteil an der Schule und in ihr wurde die hebräische Bibel in die Septuaginta übersetzt. Auch die ersten Christen erhielten in Alexandria ihre Ausbildung und setzten sich dort mit allen geistigen Strömungen der damaligen Zeit auseinander. Bis durch den Einfluß der Augustinschen Schriften die Christenlehre in einem Kanon zusammengefasst wurde und eine starke, einheitliche Christliche Kirche entstand.

Es gab in der Alexandrinischen Schule zwei wichtige Strömungen. Da wäre als erstes die Stoa zu nennen von 300 vChr. bis etwa 200 nChr. Aus einem Urfeuer, dem Äther, entstand alles Seiende und dieses Seiende ist durch göttliche Vernunft beseelt. Das göttliche Prinzip durchwirkt den Kosmos so in allen seinen Bestandteilen. Dabei ist alles Geschehen durch eine strenge Kausalität gekennzeichnet und auch der einzelne Mensch ist durch sein Schicksal bestimmt und kann sich nicht gegen die Vorsehung auflehnen. Nur durch ein affektfreies und selbstbeherrschtes Nachdenken und logisches Folgern kann der Mensch die Wahrheit erfassen.

Der Stoa folgte der Neuplatonismus bis zum Ende der Alexandrinischen Schule. Ihr Begründer ist Plotin. Ausgangspunkt für den Neuplatonismus ist die Zweiweltenlehre des Platon. Für Platon war die Idee, das Urbild, das eigentlich Seiende an die sich die unsterbliche Seele erinnert. Die Neuplatoniker griffen die Ideenlehre Platons wieder auf. Gott ist die Weltseele die alles hervorbringt und das Weltliche ist bloß Erscheinung im Hinblick auf das Absolute. Sie verstehen die Idee als die Ausdruckskraft eines Weltprinzips - Augustinus wird sagen als Gedanke Gottes.

Um 400  nach Christus war die Zeit der Antiken Philosophie endgültig vorbei, lebte aber noch in Alexandria 200 Jahre weiter bis die Schule etwa 600 Jahre nach Christus aufgelöst wurde. Kaiser Konstantin, als einer der letzten römischen Kaiser, hatte etwa im Jahr 350 nach Christus das Christentum als allein gültige Religion previlegisiert. Die Germanen haben knapp 100 Jahre später die Macht in Europa übernommen und die Herrschaft der Römischen Kaiser beendet. Jetzt war die große Zeit des christlichen Abendlandes gekommen und es wurde nötig aus der Christlichen Sekte eine staatstragende Kirche zu machen. Dafür war eine einheitliche Verfassung und Lehre nötig. Augustinus von Hippo war es, der diese Arbeit für die Einheitskirche erledigte. Viele Jahre hatte er sich in der damaligen Welt umgeschaut und sich mit vielen verschiedenen religiösen und philosophischen Strömungen beschäftigt und sich kritisch auch mit den verschiedenen Richtungen der damaligen Christenheit beschäftigt. Viele Einflüsse flossen in seine eigenen philosophischen und theologischen Schriften ein. Unter anderem waren das die Gedanken Platon´s, von Cicero und die Richtung des Neuplatonismus. Natürlich auch die Schriften der Kirchenväter Origenes und Clemens und besonders des Paulus. Entscheidend wichtig war für ihn der Glaube: „ich glaube um zu erkennen“ war sein Wahlspruch. Er verfasste mehr als 100 Bücher und hat mit seinem Kampf für die Einheit der Kirche und mit seinen theologischen Werken die Lehre der Katholischen Kirche bis Heute stark beeinflusst. Der Einfluß der antiken Philosophie wurde immer mehr zurückgedrängt. Im 6. Jahrhundert wurde die Alexandrische Schule entgültig geschlossen um das Heidentum zurück zu drängen. Zeitweise waren die Schriften des Aristoteles in der Kirche verboten. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden die Schriften des Aristoteles besonders von Thomas von Aquin wiederentdeckt und die Logik des Aristoteles wurde ein wichtiges Werkzeug der Scholastik. Scholastik war eine Methode der Lehre an den damaligen Hochschulen. Die Studenten wurden in der Dialektik des Aristoteles geschult. Hierbei ging es um das richtige Argumentieren und um eine Methode Wissen zu erwerben und zu überprüfen. Es ging nicht um die Rhetorik zum Durchsetzen seiner Meinung sondern um das Durchspielen verschiedener Argumente und um das Erörtern von Problemen. Wichtig dafür war die richtige Methode der Deduktion nach den Regeln der Logik. Auch hierfür hatte Aristoteles die Vorarbeit geleistet. Bei der Deduktion werden von einer eindeutigen und allgemein anerkannten These mit Hilfe von logischen Regeln speziellere Thesen abgeleitet. Es ging dabei darum die Lehren der Kirche immer weiter zu vertiefen um sie wirkungsvoll gegen Angriffe von außen verteidigen zu können. Die Philosophie hatte dabei die Rolle der Magt der Theologie. Die etwa 1000 Jahre vom 4. bis 14. Jahrhundert werden auch das finstere Mittelalter genannt. Es war aber auch eine gute und wichtige Zeit. Wichtige Stichworte sind: Papsttum, Frankenreich, Karl der Große, römisches Reich deutscher Nation, Christentum, lateinische Sprache, Mönchtum, Klöster. Das römische Reich war ein Zusammenschluß von Stadtstaaten gewesen. Das neue Reich, man kann auch sagen Europa, wurde jetzt ein gewaltiger einheitlicher Kulturraum der mit dem Beginn des Mittelalters unter eine einheitliche Regierung kam. Es gab eine Religion und eine Sprache die den ganzen Kulturraum einte. Ein wichtiger Anteil an der Vereinigung Europas hatte die Kirche. Ihre Kraft bezog die Kirche aus dem Zeugnis der Kirchenväter, den Märtyrern und aus der Überzeugung von Gott auserwählt zu sein um sein Reich auf der ganzen Welt zu bauen. Immer wieder fanden sich Menschen die dem Ruf der Kirche folgten und ihr ganzes Leben für den Bau des Reiches gaben. Mit den größten Entsagungen zogen Mönche durch ganz Europa. Sie verkündeten und bauten Klöster als Bastionen der Kirche.  

Ab dem 14. Jahrhundert bahnte sich  eine neue Zeit an und es zeichnete sich das Ende der Zeit der Scholastik ab. Grundlage für die Scholastik war das Zurückgehen auf die Autoritäten der Kirche. Die Philosophie besonders die Logik und die Dialektik des Aristoteles wurden von der Kirche benutzt um den Glauben zu untermauern. Die Philosophie war die Magd der Theologie. Thomas von Aquin war es gewesen, der im 12. Jahrhundert Aristoteles für die Kirche nutzbar gemacht hatte. Ab dem 14.Jahrhundert kam die Zeit der Renaissance, der Erneuerung und der Besinnung auf die Antike.  Glauben und Wissen begannen sich jetzt langsam auseinander zu entwickeln. Konstantinopel war von den Türken erobert worden und viele Gelehrte waren aus Konstantinopel nach Italien geflüchtet und brachten wichtige antike Schriften mit. Duns Scotus, Wilhelm von Occam und Roger Bacon stehen für diese Zeit des Übergangs. Duns Scotus war ein sehr guter Aristoteleskenner und entdeckte den anderen, den heidnischen Aristoteles, dessen Schriften sich nach seiner Ansicht nicht mit den Lehren der Kirche vereinbaren lassen. Der Theologie spricht Duns Scotus einen mehr praktischen – der Philosophie einen mehr theoretischen Bereich zu. Für Wilhelm von Occam war eine Theologie als exakte Wissenschaft nicht möglich. Für Glaubensaussagen gibt es keine vernunftmäßigen Beweise sondern sie müssen geglaubt werden. Er greift die Verweltlichung der Kirche an und will sie auf ihre geistlichen Aufgaben beschränkt sehen. Glaube ist übervernünftig und ihr Inhalt kann ohne Rücksicht auf Philosophie und rationales Denken ausgesprochen werden. Roger Bacon stellte den Menschen und seine Erfahrung in den Mittelpunkt. Durch Erforschung der Naturvorgänge, durch Experimentieren und nur durch die Erfahrung ist Wissen möglich. Bisher war es in der Wissenschaft so gewesen, dass ein Vorgang erklärt ist, wenn die Kraft die es auslöst, erklärt ist. Das hatte in der Wissenschaft zu einer Vielzahl von Kräften geführt. Dieses Verfahren erklärte aber eigentlich überhaupt nichts und war völlig ungeeignet um zu wirklichem Wissen zu kommen. Der Name Francis Bakon steht für eine sich anbahnende Zeit einer neuen Wissenschaft. Wissen ist Macht hatte er erkannt. Und für ihn ist der der Wissende, dem es im Experiment gelingt die Prinzipien der Welt zu durchschauen. Wissenschaft muß von der Beobachtung ausgehen, also erst einmal Wissen sammeln. Um Irrtümer beim Sammeln des Wissens auszuschließen müssen dabei Fehlerquellen ausgeschaltet werden. Die wären: menschliche Schwächen und Prägung, Problem der Sprache, Vorurteile der Vergangenheit.  Das gesammelte Wissen musste man dann  Vergleichen und Beobachten um danach zu abstrakteren und allgemeinen Aussagen über die Welt zu kommen. Er stand damit noch auf dem Standpunkt der Platonischen und Aristotelischen Weltsicht, die davon ausgeht, das der der Wissende ist, der in ruhiger, abgehobener Schau das Wesen der Dinge schaut. Auch Bakon war noch auf der Suche nach dem Wesen der Dinge. Mit so einer Methode war jedoch keine wirkliche wissenschaftliche Erkenntnis möglich und neue Entwicklungen mussten so weiterhin dem Zufall überlassen bleiben. Seine bleibende Leistung für die aufkommende Wissenschaft waren wichtige Prinzipen für die Wissenschaftliche Arbeit. So das Aufstellen von Arbeitshypothesen, das Sammeln von Erfahrung, das Prüfen durch Experiment, das Ziehen von Folgerungen und das Formulieren allgemeiner Sätze.

Die Zeit der Renaisance war eine Zeit der Umwälzungen, der Erneuerungen, des Aufbruchs und der beginnenden Wissenschaft. Kopernikus, Kepler und Galileo stehen als Namen für diesen wissenschaftlichen Aufbruch. Es wurden die Planetenbewegungen erforscht und es wurden die Grundlagen für die Mechanik gelegt. Galileo entdeckte die Fallgesetzte. Aristoteles hatte noch gesagt: „ die Körper fallen weil sie ihrem Wesen nach schwer sind und ihren natürlichen Ort suchen“. Galileo stellte fest, das Körper nach einem Fallgesetz und damit mathematisch berechenbar fallen. Die Gelehrten der damaligen Zeit witterten Morgenluft und ließen sich nicht mehr bevormunden. Der Kompaß, das Schießpulver und der Buchdruck wurden erfunden. Der Kompaß machte die Befahrung der Weltmeere möglich. Kolumbus entdeckte Amerika, Vasco da Game entdeckte den Seeweg nach Indien und Magellan umrundete die Erde. Das läutete die Zeit der Kolonisation und damit die Ausbreitung der Europäer und des europäischen Denkens über die ganze Welt ein. Durch das Schießpulver wurde die Ritterzeit durch eine neue Zeit abgelöst. Die Kirche setzte ihre ganze Macht gegen das neue Denken was sich auftat. Die Querdenker der damaligen Zeit wurden in den Kerker gesperrt, Galileo mußte unter Androhung von Folter seine Erkenntnisse widerrufen und andere wurden auf eine andere Art und Weise mundtot gemacht. Aber es war nur noch ein Rückzugskampf. Sie konnte den Dammbruch, der sich durch die Reformation Raum verschaffte, nicht mehr aufzuhalten.

Aber Erst Rene Descartes war es im 17. Jahrhundert, dem ein Paradigmenwechsel in der wissenschaftlichen Betrachtungsweise gelang. Die Geometrie war schon von Euklid erfunden; beschränkte sich aber bisher auf das rein zeichnerische Lösen von Problemstellungen mit Zirkel und Lineal. Descartes war es, der dazu die mathematische Lösungsmöglichkeit von Geometrischen Problemen erfand. Die analytische Geometrie ist eine rein mathematische Konstruktion zum Lösen von Gleichungen. Es wurde also zum ersten Mal eine mathematische Konstruktion angelegt um natürliche Vorgänge zu erklären und zu berechnen. Die alte Wissenschaft versuchte Wissen zu finden indem sie die Natur beobachtete. Die analytische Geometrie wurde nicht gefunden sondern erfunden! Es war ein vom Menschen erfundenes Instrument um Vorgänge in der Natur erklärbar und damit auch berechenbar zu machen. Die neue Geometrie eröffnete ganz neue Möglichkeiten zu mathematischen Berechnungen. Es konnte zum Beispiel die Bahn von Geschossen berechnet werden. Damit war es möglich sehr viel effektiver zu schießen aber natürlich auch bessere Kanonen zu bauen weil der Kanonenbauer jetzt zum ersten Mal wirklich gestalten konnte und nicht mehr nur auf seine Erfahrung angewiesen war. Erfindungen der Menschen waren jetzt nicht mehr Zufall sondern neben die Kreativität und Erfahrung trat die Berechenbarkeit. Ein gutes Beispiel für die alte Wissenschaft ist die Erfindung des Porzellans. Für die neue Wissenschaft die Erfindung der Dampfmaschine.

Erkennen ist für Descartes eine menschliche Leistung und Eigenschaft. Er versuchte den Erfolg seiner neuen Mathematik auch auf die Philosophie an zu wenden. Er war der Meinung, dass es auch eine Methode geben müßte, wie man zur Erkenntnis des wahren Wissens kommen kann. Wahres Wissen war für ihn reines Verstandeswissen unter Ausschluß der Erfahrung. Er stellte sich die Frage: was ist notwendig wahr, was muß jedem Menschen sofort einsichtig sein und was kann nicht bezweifelt werden. Solche Aussagen gab es bisher scheinbar nur in der Mathematik. In der Mathematik war es scheinbar möglich zu wirklichen verstandesmäßigen Ergebnissen zu kommen, die unbedingt einsichtig sind und nicht bezweifelt werden können, weil hinter der Mathematik Gesetze und Strukturen stehen. Die Methode des Descartes um zum wahren Wissen, also zu unbezweifelbaren Aussagen zu kommen, war die der Zerlegung und die des Zweifelns. Schrittweise will er das Komplexe zu immer einfacheren Naturen reduzieren. Jedes Ergebnis muß dabei das Kriterium erfüllen klar, einsichtig und unzweifelhaft wahr zu sein. Wenn das Ergebnis dann in irgendeiner Form angezweifelt werden kann, so muß er weiter reduzieren. Es geht dabei nicht darum den ganzen normalen Alltag anzuzweifeln, sondern nur um die theoretische Möglichkeit des Zweifelns, um einen methodischen Zweifel. Wenn ich zum Beispiel mein Auto mit 120 Kilometer pro Stunde in die Richtung eines Baumes lenke, so sagt mir die praktische Lebenserfahrung, dass ich unzweifelhaft einen ganz schlimmen Unfall bauen werde. Der methodische Zweifel sagt mir aber, dass das nicht unbedingt der Fall sein muß. Es könnte theoretisch ja irgendwas passieren, was den Zusammenprall verhindert oder es könnte alles auch nur ein böser Traum sein. Es gibt nur einen einzigen Fall, den ich unbedingt annehmen muß und den ich nicht bezweifeln kann und das ist die Feststellung daß ich denke. „Ich denke also bin ich“ ist der einzige Satz, der allein durch Denken gewonnen ist und eine unbezweifelbare und für alle Menschen einsehbare Wahrheit darstellt.  Das ist die allgemeinste Wahrheit, die man sich vorstellen kann. Von diesem Satz ausgehend will er jetzt vom Allgemeinen zum Speziellen kommen. Wenn ich sage „ich denke“ so muß ich zwangsläufig auch sagen „ich bin“ das ergibt sich als eine logische Folgerung aus dem Satz. Ich habe also ein Bewusstsein meiner selbst. Weiter kann ich folgern: wenn ich ein Inhalt bin, so muß ich auch ein Gefäß sein. Ich bin also ein denkendes Ding. Weiter folgt daraus: wenn ich denke, so denke ich etwas, mein Denken hat Inhalt. Wenn für den Inhalt des Denkens eine Struktur voraussetze wird, so muß Descartes notgedrungen einen Gott wieder einführen. Der Gottesbeweis des Descartes lautet folgendermaßen: ich habe die Idee Gott, zu dieser Idee gehört die Idee der Vollkommenheit. Daraus folgt logischerweise: ich kann als Unvollkommener nicht Vollkommenheit denken, also muß es Gott geben.

Man könnte Descartes auch als den ersten Aufklärer bezeichnen. Seine Weltsicht wird das Denken der nächsten Jahrhunderte bestimmen. Gott hat den Menschen den Verstand gegeben. Wenn der Mensch die richtige Methode anwendet, so kann er diese Welt durchschauen und beherrschen. Es ist der Glaube an die Vernunft und die Fähigkeit des Menschen. Die Vernunft ist in der Lage die Wahrheit ans Licht zu bringen; damit ist Aufklärung die Herrschaft der Vernunft. Habe den Mut deinen Verstand zu gebrauchen, war die Botschaft für die nächsten Jahrhunderte.

Die Thesen Descartes blieben natürlich nicht ohne Widerspruch. John Locke war einer von denen, die ihn scharf kritisierten. Für ihn waren Descartes Gedanken Hirngespinste und Blendwerk, auf die man nicht bauen kann; sie führen nur zu Annahmen und Hypothesen, die man hinnehmen muß und die nichts einbringen. Die These, die Locke dagegenstelle lautete: es ist nichts in den Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war. Es war der beginnende Kampf zwischen den Rationalisten, die an die Vernunft glauben und den Empiristen, die die Erfahrungen der Menschen in den Vordergrund stellen. Demzufolge war es das Anliegen des John Locke dem menschliche Bewusstsein und seinem Erkenntnisvermögen und allen Regungen einer kritische Betrachtung zu unterziehen. Seine erste Frage war: wie gelangen Sinneseindrücke ins Bewusstsein und werden dort verarbeitet. Er stellte drei Arten von Bewußtseinsinhalten fest : erstens Eindrücke, die von außen durch die Sinne ins Bewußtsein hineingekommenen, zweitens Eindrücke, die schon vorher drin waren oder drittens, die Verknüpfungen zwischen diesen Bewußseinsinhalten. Locke unterscheidet zwischen einfachen und komplexen Ideen. Einfache Ideen sind innere und äußere Erfahrungen, also Sinnesdaten von Außen oder innere Bilder. Komplexe Ideen bildet der Verstand durch die Verknüpfung aller Ideen. Damit ist Locke der Begründer der Erkenntnistheorie. Sein Zeitgenosse Berkerley knüpfte an die Gedanken Locke´s an und denkt sie weiter. Er befreit die Gedanken von einigen Inkonsequenzen. Wenn wir Erkenntnis von einer Wahrheit über sinnliche Empfindungen voraussetzen, so stehen wir natürlich sofort wieder vor dem Problem dass sinnliche Empfindungen nicht objektiv sind sondern subjektiv. Jeder Mensch empfindet anders. Wenn wir zu objektiven Wahrheiten kommen wollen, so sind wir gezwungen wieder eine objektive Wirklichkeit hinter unseren subjektiven Empfindungen anzunehmen. Damit sind wir aber wieder bei Gott und auch nicht weiter als Descartes.
Im 18. Jahrhundert war es David Hume, der der Frage ob es wahres, sinnliches Wissen ohne Metaphysik geben kann, noch einmal mit aller Konsequenz nachging. In der Naturwissenschaft war es möglich Wissen auf Erfahrung zu gründen bzw. mit Erfahrung (Experiment) zu begründen – Mathematik und Physik funktionierten, das hatte man gesehen.

Sein Ansatz war der Gleiche wie der von John Locke: es ist nichts in unserem Geist was nicht in unserem Sinnen war. Der Geist verknüpft alles und folgert daraus. Das erkennende Subjekt ist der Mensch, deshalb kann nur eine genaue Vorstellung von den Grenzen und Möglichkeiten seiner Erkenntnisfähigkeit uns eine Sicherheit über das erkannte Objekt geben. Deshalb beschäftigt sich Hume erst einmal mit dem Vorgang der Wahrnehmung der Außenwelt. Hume stellte einen höchst komplizierten Prozeß fest. Er unterscheidet zwischen Eindrücken und Vorstellungen. Eindrücke sind entweder Sinneswahrnehmungen, also Eindrücke von außen und Selbstwahrnehmungen, also innere Gefühle. Vorstellungen haben wir, wenn wir uns mit einem Gegenstand beschäftigen, der aber nicht anwesend ist. Wichtig ist zu wissen wie der Mensch seine Eindrücke und Vorstellungen zu neuen Vorstellungen verknüpft; also die innere Ordnung zu erkennen nach der unser Geist Sinneseindrücke aufnimmt oder unterdrückt, einfügt oder verwirft. Er stellt folgende Verknüpfungskriterien fest: 1. Ähnlichkeit, 2. Kausalität, 3. zeitliche und räumliche Nähe.

Die drei Verknüpfungskriterien entsprechen unserer täglichen Erfahrung. Wir gebrauchen diese Kriterien bewusst oder unbewußt jeden Tag im Alltag um leben zu können und um unseren Alltag bewältigen zu können. Diese Kriterien sind auf jeden Fall subjektiv und lebensnotwendig. Aber haben diese Kriterien auch einen objektiven Charakter? Nur wenn diese Kriterien objektiven Charakter hätten, können sie auch wahre Erkenntnis liefern. Hume macht sich daran das zu untersuchen.

1. Wie kommt Ähnlichkeit oder auch Gleichheit zustande? Wenn wir zwei Gegenstände vergleichen, so stellen wir möglicherweise eine augenscheinliche Gleichheit fest. Wir können dann mit verschiedenen Meßverfahren versuchen diese Gleichheit zu bestätigen. Aber wir werden nie den Punkt erreichen, wo wir sagen könnten die beiden Gegenstände sind in allen Einzelheiten gleich. Auch wenn wir die Atome zählen könnten hätten wir über die Gleichheit der Gegenstände keine Sicherheit. Alles was wir sagen könnten ist, dass diese beiden Gegenstände unter bestimmten Kriterien gleich sind. Eine absolute, logische Gleichheit gibt es nicht.

2. Kausalität bedeutet: es ergibt sich eine Begebenheit zwingend aus einer vorherigen zeitlich und räumlich nahen Begebenheit. Was wir als erstes erkennen ist nur ein zeitliches Nacheinander und nicht ein zeitliches Wegeneinander. Um ein zeitliches Wegeneinander, also Kausalität, erkennen und davon sprechen zu können brauchen wir Erfahrung. Nur weil wir aus Erfahrung wissen dass Wasser bei 0 Grad friert, können wir uns, wenn das Thermometer gegen Null Grad anzeigt, vor Glatteis in Acht nehmen. Und nur durch Gewohnheit setzen wir voraus, dass das auch immer so sein wird. Erfahrung und Gewohnheit sind also Grundlagen der Kausalität. Nur mit Erfahrung und durch Gewohnheit können wir von einem zeitlichen Wegeneinander, also von Kausalität, sprechen. Kausalität brauchen wir um uns in dieser Welt zurechtzufinden und um sicher leben zu können. Es sind aber auch andere Welten möglich wo wir mit unserer Erfahrung nichts anfangen könnten. Unsere Art der Kausalität ist deshalb keine logischen Notwendigkeit.

3. Raum und Zeit sind weitere wichtige Verknüpfungskriterien, die wir brauchen um sinnliche Erfahrungen zu beurteilen und in ein bestehendes System einzubauen. Unsere Augen empfangen nur Bildpunkte. Eine Entfernung können wir mit den Augen so direkt nicht feststellen. Entfernung und damit Ausdehnung sind also auch eine Sache der Erfahrung. Mit der Zeit verhält es sich ähnlich. Zeit beruht auf ein Zeitempfinden das wir im Laufe unseres Lebens lernen müssen. Raum und Zeit sind also auch durch sinnliche Erfahrungen und nicht logisch zu begründen. Da Raum und Zeit die Grundlagen der Mathematik und Physik sind, ist damit auch der Naturwissenschaft die logische Grundlage entzogen. Ähnlichkeit und damit Gewissheit, Kausalität, Raum und Zeit sind Produkte menschlicher Vorstellung und Erfahrung. Sie haben sich im Alltag bewährt und wir können uns auf sie verlassen. Wäre das nicht so, könnten wir nicht leben. Wenn wir aber den Weg der Erfahrung gehen, können wir eine endgültige Gewissheit nicht erreichen. Damit ist dem Experiment als eine sichere Überprüfungsmöglichkeit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis der logische Boden entzogen. Der Glauben an die Rationalität der Wissenschaft ist im Strenge Sinne nicht zu rechtfertigen. Sinneseindrücke sind die Quelle unseres Wissens weil nichts im Verstand ist was nicht vorher in den Sinnen war, aber wovon diese Sinneseindrücke wirklich Informationen liefern, ist eine nicht bis ins Letzte zu klärende Frage.

Über den reinen Verstand läßt sich kein wahrer Grund für Mathematik und Naturwissenschaft nachweisen. Über die Erfahrung auch nicht. Die Weltformel läßt sich scheinbar nicht finden und eine Philosophie, also eine Metaphysik, die die Grundlage für alle Wissenschaft legen sollte, ist scheinbar nicht zu rechtfertigen. Die Ergebnisse der Rationalisten, die eine Erkenntnis einer grundlegenden Wahrheit über das reine Denken postulierten, hatten das Ziel nicht erreicht. Die Empiristen, die die Wahrheit im Bereich der menschlichen Erfahrung suchten, auch nicht.

Immanuel Kant konnte das nicht so hinnehmen. Er hatte zwei Anliegen. Er machte sich daran für alle Mal die Philosophie als Mutter aller Wissenschaft zu etablieren. Ihre Töchter, die Naturwissenschaften hatten sich sehr erfolgreich etabliert - nun war es an der Zeit das richtige Verhältnis wieder herzustellen. Zweitens ging es ihm darum - vom ersten Anliegen her - einen unumstößlichen Grund für die Naturwissenschaften zu legen. Rene Descartes hatte den Grund gelegt für das konstruktive Denken; war aber mit seiner Methode einen rationalen Grund für Wahrheit zu legen gescheitert – er musste Gott wieder einführen. Kant schaute auf die Naturwissenschaft. Ihr war es gelungen, indem sie konstruktiv auf der Basis von unzweifelhaften Basissätzen vorgeht eine Wissenschaft zu schaffen die Gesetzescharakter hatte und durch Erfahrung bestätigt wurde. Die Naturwissenschaft ging nach den Gesetzen vor, der scheinbar in der Natur gelten und hatte damit Erfolg. Das gleiche wollte Kant auch für die Philosophie einführen. Genau wie die Naturwissenschaft sich nach den Gesetzen der Natur richten muß, so muß also das Denken sich nach den Strukturen des Verstandes richten. Das war sein Ansatz. Er setzte voraus, daß die Prinzipien der Vernunft nicht willkürlich sein können sondern den Gesetzmäßigkeiten der Vernunft entspringen müssen.

Die Vernunft ist die Bedingung dafür, daß wir die Natur wahrnehmen und in ihr vernünftig leben können. Die Vernunft ist also gleichzeitig ein Organ der Wahrnehmung, das seine eigenen Gesetze hat und deshalb eine geordnete Natur wahrnimmt und ein Organ, das für das Handeln Gesetze vorschreibt damit  ethisches Handeln möglich ist. Es geht also um die Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens. Wir erkennen also nicht wirklich, wie schon Platon feststellte, wir können aber erkennen wie wir erkennen. Kant nennt seinen Standpunkt einen Transzendentalen. Transzendental sind die dem Bewusstsein zugrunde liegenden Prinzipien und Formen des Erkennens.

Erkenntnis fängt mit Erfahrung an. Aber vor der Erfahrung müssen Strukturen da sein, die dieser Erfahrungen Ordnen geben. Erfahrungswissen ist immer Wissen im Nachhinein also aus der Erfahrung gewonnen (posteriori).  Kant will aber wissen, ob es etwas gibt, was wir von Anfang an besitzen (apriori). Wenn wir ohne vorhandene Strukturen Sinnesdaten empfangen würden, ergäbe das ein völliges Chaos in unserem Kopf, weil wir ständig und unablässig mit solchen Sinnesdaten konfrontiert werden. Es muß also eine ordnende Struktur geben und Kant nennt diese Struktur die produktive Einbildungskraft. Kant gibt Hume recht:  Erfahrungswissen kann nie eine strenge Notwendigkeit ergeben – Erfahrungswissen zeigt immer nur das, was so ist wie es ist, aber nicht, das es logisch so sein muß. Wenn wir ein Wissen apriori haben, so muß es unbedingt Notwendig und Allgemein sein. Kant dreht den Ansatz von Hume quasi um. Noch mal zur Verdeutlichung: Hume sagt: für Kausalität, Ähnlichkeit, Raum und Zeit lässt sich logisch keine unbedingte Notwendigkeit nachweisen weil sie auf Erfahrung und Gewohnheit fußen. Kant sagt: Kausalität, Ähnlichkeit, Zeit und Raum sind allgemein und notwendig - stammen aber nicht aus unserer Erfahrung sondern ihnen liegen ordnende Strukturen zugrunde.

Notwendigkeit und Allgemeinheit sind die Schlüssel für das weitere Vorgehen Kant´s.

Dafür untersucht er ob es synthetische Sätze geben kann, die apriorisch sind, die also notwendig sind. Ein Beispiel soll das verdeutlichen. „7 plus 5 ist 12“. 12 ist das Ergebnis und das können wir durch Erfahrung nur bestätigen. Es ist aber ein synthetisches Ergebnis und kein logisches.“5 plus 7 ist 12“  ist nicht logisch weil sich hinter den Worten  „plus ist“  ein Gesetz verbirgt und das Gesetz lautet: zähle zusammen. Streng genommen ist „5 plus 7 gleich 12“ - und damit die ganze Mathematik -  nicht apriorisch also nicht logisch notwendig. Kant sagt aber: das Ergebnis 12 ist wohl apriorisch weil es  notwendig und allgemein ist und weil es sich auf ein Gesetz bezieht, was eine unbedingte Allgemeingültigkeit besitzt. Genauso verhält es sich mit Raum und Zeit. Raum und  Zeit sind die unumstößlichen Grundlagen unserer Welt und damit apriorisch das bedeutet von vorne herein gegeben. Mathematik muß Strukturgleich mit der Natur sein sonst könnte sie nicht funktionieren. Kant hat damit die Objektivität von Raum und Zeit erklärt, es gibt eine mathematische Gewissheit.  Ich kann Raum und Zeit nicht wegdenken ohne mit dem Denken aufhören zu müssen. Genauso verhält es sich dem Verstand. Bisher nahm man an, dass alle Erkenntnis sich nach den Gegenständen richtet. Aber Kant sagt:  das ist nicht so; wir sind quasi die Gesetzgeber der Natur. Die Natur hat sich nach den Grundstrukturen unseres Verstandes zu richten. Oder anders gesagt: die Struktur unseres Verstand stimmt mit den Prinzipien der Natur überein. Verstand ist eine gegebene und unumstößliche Grundlage unseres Denkens! Es ist nichts in unserem Verstand was nicht vorher in den Sinnen war – außer der Verstand - ergänzt Leibnitz! Damit hat Kant den ersten Teil seiner selbst gestellten Aufgabe erfüllt.

Wenn Naturwissenschaft logisch begründbar sein soll, muß Kant als zweites erklären wie Erkenntnis zustande kommt. Die wichtige Frage dabei ist wie der Verstand überhaupt zu Begriffen, die auf einen Gegenstand verweisen, kommt;  die er anschließen durch logische Schlüsse bearbeiten kann. Begriffsbildung hat für Kant immer etwas mit Urteilen zu tun. Wenn wir Begriffe bilden, so bilden wir uns ein Urteil über diese Begriffe. Dafür stellte er eine Tafel der Urteilsformen auf. Diese Tafel umfasst vier Gesichtspunkte die jeweils drei Urteilsformen enthalten. Anschauliche Begriffe erhalten wir also in Raum und Zeit indem unser Verstand die Anschauung mit den zwölf Urteilsformen verbindet. Zum Beispiel rot und Auto zu dem Urteil -> dieses Auto ist rot. Von den Urteilsformen leitet Kant Kategorien ab. Wir können Urteile nur bilden, wenn wir in unserem Verstand Grundstrukturen für Urteile  haben. Wir können das Urteil: „dieses Auto ist rot“ nur sprechen, wenn wir in unserem Verstand das „Grundmuster“  für das Urteil „wie ist es“ haben. Der Mensch hat eine Urteilskraft, sie ist das Vermögen das Richtige und das Besondere enthalten unter dem Allgemeinen zu denken. Der Verstand bildet Begriffe und verknüpft sie zu Urteilen. Das Kausalprinzip ist nicht aus der Erfahrung abzuleiten da hatte Hume ganz recht – es stammt aus dem Verstand, weil die Denkstrukturen des Verstandes mit der Natur konform sind. Das bedeutet: Naturwissenschaft ist mögliche weil Erkenntnis möglich ist.

Der letzte  Teil der Aufgabe lautet: wie kann der Verstand selber schöpferisch tätig sein. Der Mensch ist auch ein handelndes Wesen und macht von seiner Vernunft praktischen Gebrauch. Alle bisherigen Versuche der Philosophie eine Ethik als Lehre vom richtigen Handeln zu entwickeln haben nach Kant den Fehler, dass sie den Bestimmungsgrund nicht in sich selber haben. Es sind entweder Gott oder andere Menschen, die uns sagen was wir tun müssen. Sie drohen mit Hölle oder Gesetzesstrafe oder schlechtem Gewissen und versprechen dafür Himmel oder einfaches Leben oder Glückseligkeit. Für Kant ist klar: ein wirklich allgemein geltendes Prinzip kann nur der Vernunft entnommen werden, weil die Vernunft durch die schon vorher besprochenen Kriterien mit der Natur im Einklang ist. Für Kant war klar, dass eine Ethik, die allgemein und unbedingt gelten soll, nur aus einem kategorischen Imperativ begründet werden kann. Er lautet: „ Handle so, das die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten kann. Mit dem kategorischen Imperativ hat Kant das reine Prinzip ermittelt, nach dem unser Gewissen funktioniert. Es gilt allgemein für alle Menschen und jederzeit. Diesem Sittengesetz sollen wir folgen. „Du kannst, denn du sollst“ lautet deshalb der zweite Imperativ. Damit führt uns Kant in das Reich der Freiheit. Wir sind freie, sittliche Persönlichkeiten. Ohne den Glauben an Freiheit, Unsterblichkeit und an Gott ist so ein konsequentes moralischen Handeln nicht möglich. Für Kant ist moralisches Handeln der praktische Gottesbeweis.

Immanuel Kant hatte seine Arbeit erfolgreich erledigt. Er hatte für die nächsten 200 Jahre  einen Grund für die Philosophie gelegt und er hatte die Naturwissenschaften gerettet. Mathematik ist die Sprache der Natur und die Physik des  Isaak Newton ist gerechtfertigt. Doch sein Grund war letztendlich nicht tragfähig für die Philosophie. Der Mensch war als Maß aller Dinge auf sich selber geworfen und das hat den Idealismus beflügelt. Und der Idealismus endet bei Hitler.

Die antike Philosophie suchte die Wahrheit im Jenseits, in einer Hinterwelt. Was wir erkennen, ist nicht die Wahrheit, deshalb müssen wir die Wahrheit wo anders suchen. Die Philosophie der Neuzeit suchte die Wahrheit im Verstand oder in der Vernunft. Die Strukturen des menschlichen Verstandes stimmen mit den Strukturen der Natur überein, deshalb müssen wir in uns selber suchen. Beide Arten die Wahrheit zu suchen sind subjektiv. Das bedeutet sie sind vom einzelnen Menschen und seiner Persönlichkeit abhängig. Das 19. und 20. Jahrhundert waren die Jahrhunderte der relativistischen Philosophien und der Ideologien. Es gab den Marxismus, den Prakmatismus, den Idealismus, den Existenzialismus usw. Jede Richtung war jedoch subjektiv und setzte immer einen Standpunkt absolut. Am Ende ist jeder sein eigener Philosoph und es gibt so viele Wahrheiten wie es Menschen gibt. Absolutismus kann man heute nur noch ablehnen und alle Versuche eine Denkrichtung, eine politische Richtung oder einen Menschen in den Vordergrund zu rücken müssen streng abgelehnt werden. Die bohrende Frage nach dem Grund des Seins läßt den Menschen aber nicht los – auch heute nicht.

Im 20. Jahrhundert war es Wittgenstein, der nach etwas suchte, was alle Menschen verbindet und was man allgemein und absolut für alle Menschen setzen kann. Er stellte fest: es ist die Sprache. Wenn überhaupt, so kann nur eine Sprachanalyse, also eine Analyse dessen was alle Menschen verbindet, helfen einer Wahrheit auf den Grund zu gehen. Für ihn sind philosophische Probleme Sprachprobleme weil die Sprache oft mißverständlich und nicht eindeutig ist - weil eben auch Sprache subjektiv ist. Gottlob Frege leistete für Wittgenstein´s Sprachanalyse die Vorarbeit. Frege ging es darum ein Instrument zu finden mit dem mathematische Ungereimtheiten gefunden, analysiert und beseitigt werden können. Es ging ihm um eine mathematische Sprache die keine Mehrdeutigkeit zuläßt. Er überführte dafür die mathematische Sprache in eine symbolische Schreibweise. Mit Hilfe von einfachen Variablen und Symbolen und mit wenigen einfachen Regeln wollte er die Mathematik durchschaubar und eindeutig machen. Wittgenstein war der Ansicht, dass mit Hilfe dieser Regeln auch die Sprache und damit die Philosophie eindeutig und durchschaubar werden müßte.

Dafür mußte er die innere Struktur von Sprache bestimmen. Diese Struktur konnte nur die Logik sein. Damit mußte nach seiner Meinung die Struktur der Sprache der Struktur der Natur entsprechen. Durch eine logische Analyse der Sprache kam er zu den elementaren oder atomaren Sätzen der Sprache. Also zu den Grundbausteinen unserer Sprache. Wenn wir diese atomaren Sätze mit Hilfe der Logik verknüpfen so bekommen wir Aussagen, die für uns einen Sinn, also Bedeutung haben. Die Welt ist damit die Gesamtheit von Sachverhalten und der Tatsachen, nicht der Dinge. Die Logik der Sprache zeigt uns die Struktur der Welt. Um daraus wirklich eine Erkenntnis der Welt zu ziehen, ist es nötig alle Aussagen auf atomare Sätze zurück zu führen. Sein Problem dabei war nur, dass nur Sätze wirklich etwas aussagen die mit Sinnesdaten angereichert sind. Wirkliche atomare Sätze, wenn es sie gäbe, können aber nicht mit Sinnesdaten angereichert sein – dann wären sie ja wieder subjektiv und nicht streng logisch und damit apriorisch. Sein Urteil ist deshalb vernichtend: auch über die Analyse der Sprache läßt sich keine Wahrheit finden. Sprache ist etwas lebendiges, dynamisches. Sprache lebt nur wenn sie mit Inhalten, also mit Bedeutungen, gefüllt ist. Sprechen einer Sprache ist Teil einer Tätigkeit oder einer Lebensform. Sprache steht immer in einem Zusammenhang und nur so läßt sich Sprache anwenden und verstehen. Die Philosophie hat für Wittgenstein den Bezug zum Leben verloren, weil sie nach etwas sucht, was man nicht in Worte fassen kann. Er sagt: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen“. Damit ist für ihn die Philosophie der letzen 2500 Jahre erledigt.

Einer der wichtigsten und wirkmächtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts war Karl Popper. Basissätze haben für ihn eine andere Funktion als für Wittgenstein. Wenn wir vom Besonderen auf das Allgemeine schließen, kommen wir nicht zu Allgemeinsätzen die wirklichen, absoluten Bestand haben. Aber mit der Hilfe von Allgemeinsätzen kann man eine Theorien überprüfen und auf ihren Wahrheitsgehalt testen. Die Wissenschaft stellt Theorien auf und diese Theorien müssen sich dann in der Praxis bewähren. Sie können mit Allgemeinsätzen begründet werden; sie können aber auch mit Allgemeinsätzen widerlegt werden. Wissenschaft ist ein dynamischer Prozeß. Das bedeutet, dass immer wieder neue Theorien aufgestellt werden, die einen Sachverhalt erklären und sich in der Praxis bewähren müssen. Aber es ist auch so, dass es ständig neue Theorien geben wird, die den Sachverhalt besser erklären, indem sie die alten Begründungen widerlegen oder um neue Gesichtspunkte erweitern. Aber auch die Begründung der neuen Theorie wird Mängel aufweisen und den Sachverhalt nicht vollständig erklären, sondern wird irgendwann durch eine noch bessere ersetzt werden. Es gibt heute keine Wahrheit – aber durch dieses Verfahren können wir uns auf die Spur von Wahrheit begeben. Wir machen quasi Erfahrung mit der Wahrheit. So etwas erleben wir heute fast jeden Tag. Manchmal muß man das Gefühl haben, dass sich die Theorien überschlagen. Auf jeder Gebrauchanweisung steht: nach heutigem Stand der Technik; technische Änderungen die dem Fortschritt dienen sind somit schon mit eingeplant. Gestern hieß es noch: „ ein Schlauer trimmt die Ausdauer“; heute heißt es:“ Joggen ist nicht gut für die Gelenke“. Tragisch wird das ganze in der Medizintechnik wenn es heißt: heute hätten wir ihnen helfen können – aber diese Möglichkeit hatten wir gestern noch nicht – jetzt ist es zu spät, deshalb müssen sie jetzt sterben. Es ist alles Relativ geworden, alles Wissen ist Vermutungswissen. Ein Ende des Wissens ist nicht in Sicht. Dafür haben wir keine Wahrheit und werden sie auch nie finden - aber wir sind möglicherweise auf einem Weg immer mehr von der Wahrheit zu erkennen. Eine Theorie aufstellen, sie begründen und der Kritik stellen, ist die einzige Möglichkeit um Wissen zu erlagen. Eine Theorie, die widerlegt werden kann, gibt die Möglichkeit zu einem Erfahrungswissen. Dogmen dagegen versperren den Weg zur Erfahrung. Wissenschaft ist eine tolle Erfindung. Sie stellt Thesen auf – sie gibt Begründungen für die Thesen an die Hand und sie gibt Gelegenheit durch Widerlegungsmöglichkeiten an Erfahrung reicher zu werden und dadurch Wissen zu erlangen. Wissenschaft im Sinne Popper´s ist also ein Weg, ein dynamischer Prozeß, zur Annäherung an die Wahrheit. Er prägte den Begriff der offenen Gesellschaft, wo sich Zukunft in einem dynamischen Prozeß entwickeln muß. Dogmatismus führt nicht zur Wahrheit sondern weg von der Wahrheit.

Die Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts nimmt immer mehr den Menschen und seine persönliche Existenz in den Blick. Damit stehen die wirkliche Existenz und die Lebensäußerungen im Mittelpunkt der Betrachtungen. In der Lebensphilosophie ist es die Lebenskraft, die Vitalis. In der Phänomenologie werden die Phänomene des Lebens betrachtet. Im 20. Jahrhundert ist es die Existenzphilosophie, die bis heute am wirkmächtigsten ist. Parmenides hatte vor 2500 Jahren festgestellt: „Sein ist“.  In den folgenden Jahrtausenden ging es darum dieses Sein, das Gute, Schöne und Wahre, was angeblich außerhalb des Menschen ist, zu ergründen.

Heidegger stellte im letzten Jahrhundert fest: Dasein ist wesenhaft „ein-in-der-Welt- sein“. Der Mensch ist in diese Welt hineingeworfen und es ist ihm aufgegeben „zu sein“. Das bedeutet, dem Menschen ist es aufgegeben die Sorge für sein Leben zu übernehmen und er muß zu seinem Dasein und seinem Verhältnis zum Ganzen Stellung beziehen. Wir müssen das „in-der-Welt-sein“ , also das handgreifliche Leben des Menschen untersuchen, um festzustellen was Sein ist. Heidegger stellte fest: die  Grunderfahrung des Menschen ist die Angst wenn er mit seinem Tod konfrontiert wird. Das Leben des Menschen ist ein „Leben-zum-Tode“. Aber nur dadurch, dass der Mensch die Endlichkeit seines Lebens anerkennt, kann er aus dem „man“ heraustreten und wirklich werden. Er lebt dann und wird nicht mehr gelebt. Der Tod ruft uns zu, die eigene Existenz anzunehmen und ein Leben in Freiheit und Selbstverantwortung zu leben. Das Sein kann man nur als den praktischen Vollzug des Lebens im Gesamtkomplex der Vergangenheit, Gegenwart und der Zukunft verstehen. Und den Sinn des Seins kann man nur verstehen, wenn man das Dasein als einen dynamischen Prozeß versteht - als ein Empfinden der Welt und ein Reagieren auf die Welt. Philosophie muß seinen Sitz im Leben haben. Zum ganzen Leben bzw. zur ganzen Existenz gehört alles dazu: die Angst, Schuld, Glück usw. Jean Paul Sartre sagte nach der Beschäftigung mit dem Existentialismus: „es war atemberaubend, mit einem Schlag war es da, es war klar wie die Sonne, die Existenz hatte sich plötzlich enthüllt und hatte das Aussehen von abstrakten Kategorien verloren“. Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt und für sein Leben verantwortlich. Die neue Philosophie gab der blutleeren, theoretischen und abgehobenen Philosophie ihr Leben zurück. Der Mensch sucht nicht mehr die Wahrheit oder das Leben außerhalb von sich selber sondern schaut auf sich und versucht sich selber zu ergründen und Wahrheit und Leben in sich selber zu finden.
Drei Ereignisse am Anfang des 20.Jahrhunderts haben das Denken der Menschen ganz entscheidend geprägt. Da sind zum einen die Entdeckung der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik, die das wissenschaftliche und technische Denken und die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte geprägt und entscheidend verändert haben. Und es sind die Schrecken der beiden Weltkriege und deren Folgen, besonders die Schoa. Und als drittes die Psychoanalyse die den Menschen mit seinen Befindlichkeiten entdeckte.

Die Relativitätstheorie und die Quantenphysik haben die Weltsicht der Wissenschaft grundsätzlich verändert. Die Relativitätstheorie von Albert Einstein revolutionierte das Verständnis von Raum und Zeit. Raum und Zeit verloren ihren Stellenwert als absolute und feststehende Grundlagen der Welterklärung. Die alte Newtonsche Physik hatte damit ihre Rolle als Grundlage für die wissenschaftliche Welterklärung verloren und war nur noch als ein Spezialfall der Physik anzusehen. Die neue Physik ergab neue Möglichkeiten der physikalischen Welterklärung und viele Phänomene, die vorher nicht erklärbar waren, konnten jetzt mathematisch nachgewiesen werden. Damit verlor aber die Physik aber auch viel von ihrer Nachvollziehbarkeit – man konnte jetzt zwar Probleme mathematisch erklären und berechnen – aber kein Mensch kann sich das noch Vorstellen weil er an seine dreidimensionale Welt und Raum und Zeit gebunden ist.

Die Quantenmechanik beschreibt das Verhalten von Elementarteilchen. Sie wurde auch Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und ist heute die Grundlage für die Physik und Chemie der kleinsten Teilchen, der Atome, Elektronen usw. Mit ihr ist die Beschreibung und Berechnung von Vorgängen im Bereich der Elementarteilchen möglich und sie ist deshalb Grundlage für viele heutige wissenschaftliche und technische Entwicklungen. Mit der herkömmlichen Physik war eine Beschreibung und Berechnung der Vorgänge in den kleinsten Teilchen nicht mehr möglich und mit ihr wäre unser heutiger wissenschaftlich technischer Fortschritt nicht möglich gewesen. Es gäbe keinen Laser, keine Elektronenmikroskop und keine Atomuhr. Die Quantenmechanik hat der Physik und auch der Chemie und der Biologie ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig hat sie auch das bisherige wissenschaftliche Denken auf den Kopf gestellt. Bisher war es so, dass man, wenn man den aktuellen Zustand eines Systems kennt, auch das zukünftige Verhalten dieses Systems voraussagen kann. Jedes anscheinend zufällige Verhalten liegt nur daran, dass wir das System vorher nicht genau genug beschrieben haben und es sich deshalb um einen Fehler aus unserer Unkenntnis heraus handelt. In der Quantenmechanik ist das nicht so. Es lassen sich für die möglichen zukünftigen Zustände nur Wahrscheinlichkeiten angeben. Außerdem ist der Bereich der Elementarteilchen für unsere Meßmöglichkeiten nicht zugänglich so daß genaue Aussagen über Orte und Meßgrößen nicht möglich sind. Deshalb sind alle Angaben in der Quantenmechanik nur Annahmen und Vermutungen. Es werden zwar brauchbare Ergebnisse erzielt, aber diese widersprechen oft anderen Annahmen oder sind nicht eindeutig erklärbar. Die Trennung zwischen Materie und Elektromagnetischer Welle ist aufgehoben.

Die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik haben die Welt der Naturwissenschaft grundlegend verändert. Es ergaben sich ganz neue, atemberaubende Berechnungs- und Forschungsmöglichkeiten. Unsere moderne Welt wäre ohne sie nicht denkbar. Sie haben aber auch das bisherige Denken und damit das ganze relativ feste Weltbild der Naturwissenschaft und auch der Geisteswissenschaft erschüttert. Prinzipien, die bisher unumstößlich fest schienen und auch dem Alltagsverstand entsprachen, sind in Frage gestellt. Raum und Zeit wurden neu definiert. Kausalität ist nur noch unter bestimmten Bedingungen gegeben. Es ist alles Relativ geworden. Die Zeit der Aufklärung war jetzt endgültig beendet und der stolze Mensch, der diese Welt mit seinen Fähigkeiten in Besitz nehmen wollte, ist in seine Schranken gewiesen.
Prägend für das 20. Jahrhundert war auch die aufkommende Psychoanalyse. Der Mensch wurde entdeckt und es wurde versucht ihn in seiner Befindlichkeit zu verstehen. Es wurde festgestellt, dass der Mensch nicht nur ein rationales Wesen ist sondern auch zum großen Teil durch seine Triebe, seine Prägung und durch das Unterbewußte bestimmt ist.

Die neue Naturwissenschaft, die beiden Weltkriege mit ihren Schrecken, dem Massensterben, der Vertreibung und Ermordung der Juden und die Atombombenabwürfe über Japan waren tiefe Einschnitte des letzten Jahrhunderts. Viele Menschen waren erschrocken über die neue Macht des Menschen. In der Dialektik der Aufklärung setzten sich die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno unter dem Eindruck der Weltkriege und ihrer Folgen kritisch mit den Folgen der Aufklärung auseinander. Für sie wollte die Aufklärung den Menschen die Angst nehmen und ihn als rationalen Herrscher über die Natur einsetzen. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Mythen sollten durch Wissen ersetzt werden. Erschrocken waren sie darüber, dass sich die Masse der Bevölkerung dem Despotismus hingegeben hat.  Für sie bedeutete Aufklärung: wenn Wissenschaft und Vernunft die Herrschaft über Sachen und Menschen übernehmen kann das nur im Faschismus enden. Eine Kritik der Aufklärung  ist deshalb vor allem auch eine Kritik an der kapitalistischen Gesellschaftsform in Europa und Amerika. Durch die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität kommt es zu einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche und damit zum Ausverkauf der Natur und Kultur. Alles wird unter einen Nützlichkeitsaspekt gestellt und damit verfügbar und manipulierbar. Die Aufklärung befreite den Menschen ein Stückweit von den Unberechenbarkeiten der Natur und stellte die Menschen dafür unter die Herrschaft von wirtschaftlichen Interessen und einer allgegenwärtigen Bürokratie. Horkheimer und Adorno sagten ein Versinken der kapitalistischen Massengesellschaft in eine neue Art von Barberei und eine zunehmende bürokratisierte Welt voraus. Viele Probleme der Globalisierung, der Massengesellschaft und des Konsums, die wir heute kennen, wurden von ihnen vorausgesagt.

Die Nachkriegszeit war auch geprägt vom Wiederaufbau, von der Aufrüstung und vom kalten Krieg. Viele junge Menschen wollten aber den Weg in den Wohlstand nicht mitgehen und suchten nach alternativen Lebensmöglichkeiten. Viele Studenten hatten die Dialektik der Aufklärung gelesen und waren davon beeindruckt. Und so wurde die Nachkriegszeit auch zu einer Zeit der Studentenunruhen, der Aussteiger, der Alternativen des Flower Power und der freien Liebe. Wichtige Stichworte sind:  Kritische Theorie, Baader Meinhoff und Abrüstungsdebatten. Der Kapitalismus wurde kritisiert, Ernst Bloch entwarf sein „Prinzip Hoffnung“. Ein Wahlspruch lautete: macht kaputt was euch kaputt macht. Die Philosophen der Frankfurter Schule versuchten eine Geschichtsphilosophie nach Auschwitz zu entwerfen. Ihre Lehre aus dem Krieg war: Denken und Handeln so auszurichten das Auschwitz sich nicht wiederholen kann. Es gibt heute keine Wahrheit mehr. Bestenfalls kann der Mensch eine Idee, eine Vorstellung oder Theorie haben. Anhand dieser Theorie kann der Mensch Erfahrung machen und durch die Erfahrung kann sich der Mensch der Wahrheit nähern. Bis es eine neue Theorie gibt, die der Situation besser gerecht wird.
Heute leben wir in einer merkwürdigen Welt. Es ist auf der einen Seite eine interessante, aufregende, chancenreiche und anregende Zeit. Vielen Menschen geht es wirtschaftlich gut und sie nutzen die Chancen die sich ihnen bieten zur persönlichen Entfaltung. Es ist ein Leben in Sicherheit und Frieden. Wer gut ausgebildet ist, hat sehr gute Möglichkeiten zum persönlichen Weiterkommen. Neben vielen interessanten Aufgaben warten viele Möglichkeiten zur Freizeitbeschäftigung auf die Menschen, die es sich leisten können. Auf der anderen Seite merken viele Menschen, dass das Leben für sie schwieriger wird. Die Spanne zwischen Arm und Reich klafft immer mehr auseinander. Während einige das Geld mit beiden Händen ausgeben, müssen andere sich den kleinen Luxus vom Munde absparen. Viele haben überhaupt keine Arbeit und sind auf die Unterstützung durch den Staat angewiesen. Viele Menschen haben Verlustängste und bei etlichen Menschen macht sich auch so eine Art Endzeitstimmung breit. Der kalte Krieg ist zwar vorbei, aber dadurch hat sich überraschenderweise die Sicherheitslage der Welt nicht verbessert. Ganz im Gegenteil: Waffen, die früher von kühlen Militärs kontrolliert wurden, sind heute auch Terroristen und sogenannten Schurkenstaaten zugänglich. Unser Leben ist nicht nur durch die schrecklichsten Waffen bedroht. Der wirtschaftliche Erfolg des Menschen hat auch seine Kehrseite. Die Globalisierung macht wenige Menschen sehr reich, aber die meisten Menschen profitieren nur wenig und fühlen sich als die Verlierer. Damit das ganze weltweite wirtschaftliche und finanztechnische Geflecht nicht zusammenbricht, ist ein immer größerer Aufwand nötig. Und damit die Maschine auch weiterhin rund läuft,  muß es ständiges Wachstum geben. Der Mensch ist zum Sklaven seines wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erfolges geworden. Die Ungerechtigkeit auf der Welt wächst. Während die Menschen im reichen Westen versuchen ihren Wohlstand zu sichern, bekommen die Menschen in den armen Ländern immer mehr Probleme das Nötigste für das Überleben zu finden. Die bevorstehende und sich jetzt schon bemerkbar machende Klimakatastrophe ist zwar von den reichen Industrieländern verschuldet, aber hat besonders negative Auswirkungen auf die armen Länder. Der Klimawandel wird deshalb in den nächsten Jahrzehnten weltweit zu riesigen Problemen führen. Es ist auch keine politische Macht in Sicht, die die Probleme der Zukunft lösen könnte. Ganz im Gegenteil, da der wirtschaftliche Druck auf die entwickelten Staaten wächst, wächst auch der Egoismus und damit auch das Verlangen sich vom armen Rest der Welt abzuschotten. Die technische Entwicklung bleibt nicht stehen und die Neugier der Wissenschaft und die Gewinnsucht der Industrie kennen keine Grenzen. Mit dem technischen Fortschritt ist auch die Macht der Menschen über die Natur und über andere Menschen ständig gewachsen. Zur Macht gehört immer automatisch auch Verantwortung. Unsere Erfahrung aus der technischen Entwicklung zeigt aber deutlich, dass der Mensch die Verantwortung gerne vergisst bzw. dass er nicht die Fähigkeit hat verantwortlich mit so einer Entwicklung umzugehen. Mit der neuen DNA Technik schwingt sich der Mensch jetzt zum Herrn über Leben und Fortpflanzung auf. Kritische Stimmen warnen vor dieser Technik – finden aber nur wenig gehör. Es gibt keine Ethik die diese Entwicklung stoppen könnte. Die Neugier der Wissenschaft und die Geldgier der Industrie sind einfach zu groß. Alte Schöpfungsberichte sprechen noch davon, dass Arten geschaffen wurden. Darvin hat in der Neuzeit festgestellt, dass es eine Evolution der Arten gibt. Heute will der Mensch selber Evolution steuern. Bei Pflanzen und Tieren kann man da noch von einer optimierten Zucht sprechen. Aber es wird sich nicht verhindern lassen, dass die DNA Technik auch auf den Menschen angewandt wird. Damit ist das Wesen des Menschen in Gefahr. Der Mensch wird der Natur und sich selber entfremdet. Er wird zu einem Objekt der Technik und Wissenschaft und verliert damit seine Persönlichkeit und wird zum Ding. Der Mensch selber wird zum Prototypen, den es zu verbessern gilt. Der Mensch ergreift die Macht über die Fortpflanzung und ist zu so einer Verantwortung überhaupt nicht fähig.

Wenn wir die heutige Zeit nüchtern betrachten, bleibt uns im Prinzip nur die Hoffnung, dass es schon irgendwie gut geht. Wenn wir uns jedoch nicht auf Utopien verlassen wollen müssen wir einen anderen Halt als die Gedanken von Menschen suchen. In der Philosophie geht es um gesichertes Wissen als Grundlage für das Denken und um eine sichere Basis für das Handeln. Die antiken Philosophen suchten das Gute, Wahre und Schöne in einer jenseitigen Welt. Mit der Anschauung wollten sie die wahre Welt ergründen. Sie schufen die Grundlagen für die Geistes- und Naturwissenschaften der nächsten Jahrtausende bis heute. In der Neuzeit gab es einen Paradigmenwechsel. Der Mensch selber rückte in den Vordergrund. Anstatt sich in die Welt zu versenken um Wissen zu erlagen, konstruierte er sich seine Welt. Der Mensch zwang die Welt unter seine Regeln und hatte auch einen großartigen Erfolg damit. Mensch und Natur erschienen strukturgleich und damit ist die Welt im Menschen. Die Philosophie verstand sich als Mutter der Wissenschaften, die den Wissenschaften die Grundlagen liefert. Doch die Wissenschaften gingen ihren eigenen Weg und ließen sich bald nichts mehr vorschreiben. Wirtschaftliche Zwänge bestimmen die Wissenschaft und nicht die Philosophie. Philosophie wurde zum kritischen Begleiter und wurden als Ideologie mißbraucht. Der Verstand allein sollte regieren und der Mensch wollte mit seinen technischen Fähigkeiten die Welt in Besitz nehmen. Philosophen haben versucht auszuloten wo die Grenzen des Denkens sind und was Grundlage des Handelns sein kann. Immanuel Kant wollte der Religion noch seinen Platz zuordnen. 100 Jahre später war es um die Religion endgültig geschehen. Glaube wurde zurückgedrängt. Der Mensch emanzipiere sich endgültig von Gott und wurde Autonom. Der Anfang des 20. Jahrhunderts läutete die Wende ein. Die Quantenmechanik, die Relativitätstheorie und die beiden Weltkriege schockten die Menschen. Die Religion hatte seine Sinn- und Gemeinschaft stiftende Macht verloren. Der Wissenschaft als eine exakte Naturwissenschaft war der Boden entzogen und die Philosophie warf den Menschen auf sich selbst zurück.

Das 19. Jahrhundert, die Zeit der großen Ideologien für die sich Menschen begeistern konnten, ist vorbei. Die westliche Philosophie hat sich 2600 Jahre lange mit eigentlich immer der gleichen Frage beschäftigt – gibt es einen festen Grund für das Denken und Handeln des Menschen. Jede Antwort ist dabei immer nur in ihrem geschichtlichen Kontext zu verstehen. Und es ist immer der Mensch unter dem Eindruck seines persönlichen Lebens, in seinem persönlichen Umfeld und in seinen ganz persönlichen geschichtlichen Rahmen gestellt, der diese Antwort gibt. Um die Antwort richtig zu verstehen, müssen wir die jeweilige Zeit, die Vorgeschichte und den persönlichen Menschen dafür in Betracht ziehen. Der Stein des Weisen oder auch die letzte Begründung wurde nicht gefunden. In unserer pluralistischen Welt hat die Philosophie ihre Bedeutung als Welterklärung verloren und spielt heute noch ihre Rolle als kritischer Begleiter der wissenschaftlich, technischen Entwicklung.

Grundlage des menschlichen Lebens sind Entscheidungen. Für diese Entscheidungen gibt es letztendlich keine rationale Grundlage, das hat die Philosophie festgestellt. Das menschliche Leben ist rational nicht begründbar sondern irrational. Das ist der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir eigenverantwortlich leben wollen. Kant meinte noch, dass eigenverantwortliches Handeln sich auf die objektive Instanz der Vernunft berufen kann. Das stellte sich auch als ein Irrtum heraus. Im  Namen der Vernunft wurden und werden auch sehr unvernünftige Entscheidungen getroffen. Wir haben die freie Wahl, wir können uns unter Dogmen begeben, die uns wieder in Unfreiheit zwingen oder wir verlieren den Boden unter den Füßen und uns bleibt nichts – außer Gott. Am Ende bleibt die letztendlich unbeantwortete Frage: was ist der Mensch und sein Sein in der Welt. Es bleibt der zweideutige Mensch zurück. Der Autonome, Handelnde, Selbstmacher und Könner – aber auch der am „Man“ verlorene, der Zweideutige, der Scheiternde und der Ratlose.

Wir leben in einer typischen End- und Übergangszeit. Die Aufklärung und der auf ihr basierende wissenschaftlich- technische Fortschritt sind gescheitert - eine neue Weltordnung ist aber noch nicht in Sicht. Die bisherigen bestimmenden Weltmächte kämpfen um ihre Vormachtsstellung und neue Mächte drängen nach vorne. Die bisherige Religiosität hat ihre Bedeutung verloren – und die Menschen sehnen sich nach etwas Neuem was ihnen Grundlage für ihr Leben sein kann. Vor 2600 Jahren wollten die Menschen  sich nicht mehr auf Mythen verlassen, sondern begannen damit nach rationalen, verstandesgemäßen Grundlagen für ihr Denken und Handeln zu suchen. Der Mensch hat in der Zeit bis heute sehr viel über sich und die Welt gelernt – den Stein des Weisen hat er nicht gefunden. Es gibt keine, auf rationales Denken oder sinnliche Erfahrung basierende Grundlage für das Denken und Handeln. Wenn wir uns die Geistesgeschichte der letzten 2600 Jahre anschauen, so gibt es immer wieder Zeiten der relativ ruhigen, stetigen Entwicklung und Zeiten des Umschwunges und der grundsätzlichen Erneuerung. Von 600 vor Christus bis etwas zum Jahre Null war der Hellenismus der griechischen und späteren römischen Stadtstaaten die maßgebliche Geistesrichtung. Ab dem Jahr Null bahnte sich eine Erneuerung an. Bis zum Jahre 500 nach Christus hatte sich das Christentum als neue Geistesrichtung durchgesetzt. Es war die große Zeit des Christlichen Abendlandes. Überall wurde der eine Gott angebetet. Ganz Europa wurde unter eine Geistesrichtung und vereint. Und Europa begann damit die Welt zu erobern. Ab dem Jahr 1300 bahnte sich wieder eine Erneuerung an. Ab etwa dem Jahr 1650 begann die Zeit der Aufklärung und der Industrialisierung. Der Mensch war nicht mehr der Suchende, sondern der, der diese Welt mit seinen Werkzeugen durchschauen kann und diese Welt beherrschen, verändern und gestalten kann und will. Um das Jahr 1900 kam die große Ernüchterung. Die Aufklärung hatte den Menschen von seinen Bindungen befreit und doch wieder in neue Bindungen hineingezogen. Der Mensch war plötzlich nicht mehr Herr der Welt, sondern abhängig von einem Fortschritt, der immer mehr den Menschen in den Sog der Globalisierung hineinzieht. Wir leben seit etwa 100 Jahren in einer typischen Umbruchzeit. Diese Zeiten waren auch für die Religiosität Umbruchzeiten. Um 500 nChr. hatte sich das Christentum nach einem zähen Ringen als Glaube an den einen Gott gegen die Stadtreligionen der Antike durchgesetzt und setzte zu seinem Siegeszug um die Welt an. 1000 Jahre später zur Zeit der Renaissance und der Reformation war die Zeit reif für den gnädigen Gott, der den Menschen um des Glaubens Willen annimmt. Und die Tür zu einer persönlichen Beziehung zu Gott wurde aufgetan. Auch in der heutigen Umbruchphase will Gott uns ganz neu begegnen.

Gott ist der verborgene Gott, der den Menschen in der Regel nicht direkt begegnet. Es gibt Zeiten der Gottesferne und es gibt aber auch Zeiten, in denen Gott den Menschen begegnen will. Es gibt Zeiten, in denen Gott für die Menschen keine große Bedeutung hat und es gibt Zeiten, wo der Mensch Sehnsucht nach Gott hat. Heutzutage haben viele Menschen wieder Sehnsucht nach echter Frömmigkeit und Begegnung mit Gott. In naher Zukunft will Gott uns wieder nahe sein und uns neu begegnen.

Die meisten Menschen haben irgendeine Vorstellung von Gott. Es gibt im Grund genommen keine ungläubigen Menschen und fast alle Menschen gehören einer Religionsgemeinschaft an. Die meisten Menschen glauben zum Beispiel, dass mit dem Tod nicht alles aus ist sondern es ein Leben nach dem Tod gibt. Wenn wir wissen wollen wer Gott ist, so sind wir erst einmal auf die Meinungen und Bilder angewiesen, die uns die Religionen, die Philosophien und das Zeugnis von  Gottesmännern und  frauen vorgeben und vermitteln. Gott ist unsichtbar und unbegreiflich und „wohnt in einem Licht“, das uns sein wahres Wesen verschleiert. Als Menschen sind wir auf unsere Sinne und unseren Verstand angewiesen und leben in den Kategorien von Raum und Zeit. Wir haben damit nur begrenzte Werkzeuge mit denen wir auskommen müssen und mit denen wir diese Welt und ihre Erscheinungen erfassen und durchdenken können. Alles was über unsere begrenzte Sichtweise hinausgeht können wir nicht direkt wahrnehmen, sondern wir können uns dem nur über indirekte Wege nähern.  Für einige Philosophien zum Beispiel ist Gott eine nötige Denkgrundlage und die Idee, die hinter allem steht. Für andere ist Gott der Schöpfer, der durch den Urknall alles in Gang gesetzt hat - sich aber sonst nicht weiter in die Weltgeschichte einmischt. Für wieder andere ist Gott der Geist, der in allem Lebendigen wirkt. Ohne einen Gott als Grundlage läßt sich Ethik und Moral nicht rechtfertigen. Für mich ist Gott der Schöpfer des Weltalls, der Erde mit allem was lebt und Er hat auch den Menschen geschaffen. Gott ist auch der persönliche Gott. Gott hat den Menschen geschaffen um ein Gegenüber zu haben mit dem er eine persönliche Beziehung haben kann - ein Wesen,  das Ihn verehrt und anbetet und dem Er seine Zuneigung geben kann. Gott verurteilt die Menschen nicht, obwohl sie vieles Tun, was ihm missfällt. Gott ist gnädig und nimmt die Menschen an und will sie verändern. Sie sollen Ihn immer besser und mehr kennen- und liebenlernen und bei Ihm sein und Ihn anbeten in seiner Ewigkeit.

Gott begegnet uns zuallererst in den Religionen. Religionen sind ein wichtiger Bestandteil aller Länder und Kulturen. Sie geben den Menschen sein Selbstverständnis als Geschöpfe. Religionen heben die natürlichen Begrenzungen auf in der die Menschen leben und lassen uns teilhaben an der Welt Gottes. Religion hebt den Menschen aus seiner Verlorenheit und Einsamkeit heraus und gibt ihm ein Gefühl von Dazugehörigkeit und Heimat. Sie sind Halt und Sicherheit in einer unsicheren Welt. Ihre Gebote sind Richtschnur für die Rechtsprechung vieler Länder. Religionen vermitteln Werte und sind ein wichtiger Bestandteil für eine gemeinsame Kultur. Religionen sind eine Hilfe zum Glauben und auf dem Weg des Glaubens. Sie sind ein Zeugnis für Gott und die Ansprache Gottes an uns.

Religionen sind Bilder von Gott. Da kein Mensch Gott sehen kann und weiß wie Gott ist, können wir nur über den indirekten Weg eine Vorstellung also ein Bild von Gott haben. Ohne eine Vorstellung, also Bilder oder Religionen, können wir auch keine Beziehung zu Gott haben bzw. uns über Gott Gedanken machen. Wir sollen uns eigentlich kein Bild von Gott machen - Gott ist aber ein gnädiger Gott der um das Bedürfnis der Menschen nach seiner Nähe weiß. Deshalb läßt er es zu, dass wir uns eine Vorstellung von Ihm machen. Es ist die einzige Möglichkeit, einen persönlichen Kontakt zwischen Gott und Mensch zu pflegen. Erst wenn wir nach dem Tod in seinem Reich sind werden wir Ihn sehen wie er wirklich ist. In einer Religion machen sich also Einzelmenschen oder Menschengruppen ein Bild von Gott.

Damit eine Religion entstehen kann, müssen verschiedene Faktoren zusammenwirken. Da währe als erstes die Selbstoffenbarung Gottes. Menschen erfahren die Wirklichkeit Gottes in ihrem Leben. Und als zweites muß der  Mensch die Selbstoffenbarung Gottes zu seinem persönlichen Leben oder zum Leben der Gemeinschaft in Beziehung setzten. Dabei muß die Vergangenheit und die Gegenwart in Betracht gezogen werden. Ein sehr gutes Beispiel für die Entstehung und Veränderung von Religionen ist das Judentum. Die jüdische Religion ist nur zu verstehen, wenn man die starke Bindung an den einen, persönlichen Gott zu Grunde legt. Die Juden fühlten sich immer als das auserwählte Volk dass eine ganz besondere Beziehung zu dem einen persönlichen Gott hat und zu einem besonderen Dienst berufen ist. Besonders prägende Ereignisse waren dabei der Auszug aus Ägypten, die Volkswerdung in Kanaan und das Auftreten und die Verkündigung der Propheten. Immer wieder wird in der jüdischen Tradition auf das elementare Ereignis der Befreiung des Volkes aus der Sklaverei in Ägypten und der Landnahme in Kanaan hingewiesen. Wichtige Figuren für das jüdische Selbstverständnis sind die Glaubensväter Abraham, Jakob und Josef. In der späteren jüdischen Geschichte sind es die Propheten, die als Gottesmänner einen ganz speziellen Auftrag Gottes für das Volk hatten. Die Juden sahen und sehen in diesen Ereignissen ganz deutlich das Handeln Gottes an ihrem Volk. Gott hat das Volk erwählt, er hat es zu einem großen Volk werden lassen, er hat es beschützt und mit allem versorgt was sie brauchen. In ihrer Geschichte sehen sie den lebendigen Gott am wirken der ihnen eine besondere Rolle in der Geschichte zugedacht hat. Damit aus dieser Offenbarung Gottes Religion werden kann, muß zur Offenbarung noch der ordnende Geist des Menschen kommen. Dem Menschen ist es vorbehalten alle Eindrücke: Gottes Offenbarung, persönliche Lebensumstände, vorhandene religiöse Strömungen, Tradition und Mythen der Vergangenheit, die Geschichte und die Gegenwart zusammenzubringen, damit in einer Gesamtschau daraus eine Religion entstehen kann. Der Mensch macht sich ein Bild von Gott, indem er alle Eindrücke von Gottes Handeln gedanklich mit seinen Lebensumständen in einen Zusammenhang bringt. Wenn so eine Zusammenschau gelingt, ist ein fertiges Bild von Gott entstanden. Offenbarung Gottes kann so auch für Fremde sichtbar werden und wird dadurch ein Zeugnis Gottes für die Welt. Dieses Bild von Gott ergibt dann auch religiöse Praktiken und es werden Riten und Verhaltensregeln abgeleitet, die dem Menschen Gemeinschaft mit Gott ermöglichen.

Wenn man es genau nimmt so hat jeder Mensch seine eigene Religion weil jeder Mensch verschieden ist und deshalb auch seine Eindrücke und Gedanken einzigartig sind. In der Regel ist es aber natürlich so, dass ein Mensch quasi in eine Religion hineingeboren wird. Religionen, wie auch andere gesellschaftlichen Vorgaben, werden also in der Regel von den Eltern und der Gesellschaft vorgegeben. Religiosität ist ein Stück Heimat, Selbstverständnis und Geborgenheit. Religiosität ist ein Teil kindlicher Welterklärung und kann der erste Schritt zum Glauben sein. Erst später als Jugendlicher wird der Mensch sich kritisch mit seiner bisherigen Stellung in der Gesellschaft und damit auch mit seiner Religion auseinandersetzen und sich ein eigenes Bild machen. Er wird dann die Entscheidung treffen müssen in der Tradition der Eltern weiter zu gehen oder einen anderen Weg zu gehen. Nur wenige werden einen eigenen, ganz persönlichen Weg gehen. Sie werden möglicherweise überhaupt nichts mehr mit der angestammten Religion zu tun haben wollen, oder sie werden sich nach einer anderen Religion umsehen, die ihrer Neigung mehr entspricht. Der Mensch ist in der Tiefe seines Herzens ein religiöses Wesen. Wenn er nicht den wahren Gott anbetet, so schafft er sich selber Ersatzgötter. Zum Gott kann dem Menschen fast alles werden.

Religion ist eine Vorstellung oder ein Rahmen, der es dem Menschen ermöglicht im Angesicht Gottes zu leben. Ohne ein Bild von Gott können wir keine Gottesdienste feiern und das Leben nach Ihm ausrichten. Ohne Religion kann der Mensch die wirklich wichtigen Fragen seiner Existenz nicht lösen. Es sind die Fragen danach woher der Mensch kommt und wohin der Mensch nach seinem Tod geht, über sein Wesen, nach Schuld und Vergebung, nach Gut und Böse, nach dem Sinn des Daseins und die Frage nach dem richtigen Denken und Handeln. Seit es den Menschen gibt, haben diese Fragen den Menschen unruhig gemacht und beschäftigt. Philosophien, Ideologien und Religionen haben sich dieser Frage angenommen und behandelt. Ohne die Berufung auf ein höheres Wesen oder für die Philosophen auf eine Transzendenz, sind diese Fragen nicht befriedigend zu lösen. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen haben die Menschen Religionen entworfen um diese existentiellen Fragen der Menschheit in einer Gesamtschau aufzulösen. Entscheidend dafür war immer die Beziehung zu Gott. Wer ist dieser Gott und was verlangt Gott von uns. Religion ist kein Gedankengebäude, sondern muß seinen Sitz im Leben haben – nur so kann sie nicht nur antworten geben, sondern auch befreien. Es sind seine unergründliche Geschöpflichkeit, seine Sterblichkeit und seine Sündhaftigkeit, die das Wesen des Menschen ausmachen und prägen.

Religion gibt dem Menschen eine ganz besondere Würde als ein Geschöpf und Ebenbild Gottes. Seine Religiosität unterscheidet den Menschen von allen anderen Lebewesen. Jeder Mensch ist einmalig und er kann seine Würde nicht verlieren. Seine Einzigartigkeit gibt dem Menschen eine besondere Stellung in der Schöpfung. Es gab immer wieder Versuche den Menschen auf einige Aspekte zu reduzieren. Heute steht für viele die Nützlichkeit des Menschen im Mittelpunkt. Die Frage nach Sinn beinhaltet für viele auch  die Frage nach dem Nutzen. Die Frage nach dem Sinn und der Nützlichkeit ist damit auch ein Angriff auf die Würde des Menschen. Auch der Tod kann die besondere Würde des Menschen als ein Ebenbild Gottes nicht zerstören, sondern die Religionen geben  dem Menschen  eine Verheißung auf ein Weiterleben nach dem Tode. Der Mensch lebt zum Tode hin. Der Tod ist ein Endpunkt auf den jedes Leben hinausläuft. Es ist die Endgültigkeit des Todes, die den Menschen in eine ganz besondere Verantwortung für sein Leben und für das Leben der Anderen und der Welt aufruft. Jeder Augenblick ist einzigartig und läßt sich nicht wiederholen. Als ein autonomes, freies Wesen hat der Mensch auch Verantwortung für sein Tun und für das, was er nicht tut.

Der Mensch ist auch ein zutiefst zwiespältiges und zerrissenes Wesen. Seine Bedürfnisse, seine Maßstäbe, sein Wollen und Streben ist nur schwer durchschaubar und die wahren Beweggründe bleiben oft im Dunkeln. Und so ist auch sein Handeln von zahlreichen, sich teilweise widerstrebenden Motiven bestimmt. Der Mensch versucht seinem Leben einen Sinn zu geben und sucht deshalb auch nach einer übergeordneten Instanz, die Ihm einen Sinn vermittelt. Es ist im Endeffekt die Frage wofür es sich lohnt zu leben und zu sterben. Der Mensch stellt Maßstäbe für sein Handeln auf und versucht danach zu leben. Er muß aber immer wieder erleben, dass er diesen Maßstäben nicht genügt. Er wird schuldig und braucht eine Instanz, die ihn von seiner Schuld freispricht bzw. die ihm die Möglichkeit gibt seine Schuld abzugelten. Durch die Trennung von Gott lädt der Mensch Schuld auf sich und es kann nur Gott sein, der ihm diese Schuld wieder abnimmt. Deshalb beinhalten alle Religionen auch Möglichkeiten, wie der Mensch wieder mit Gott in´s Reine kommen kann. Die Philosophie hat es auf dem Wege des Verstandes nicht vermocht die Frage nach dem richtigen Handeln und Denken allgemeingültig und für alle Menschen in allen Zeiten zu lösen. Mit seinen eigenen Mitteln und Möglichkeiten kann der Mensch den Grund des Lebens nicht finden. Er hat versucht sich von der Religion zu befreien – es ist ihm nicht gelungen. Nur Religionen geben Antworten auf die existentiellen Fragen des Menschen. Am Ende ist der Mensch immer wieder bei Gott. Nur in einer Beziehung zu Gott ist der Mensch in seinem Wesen faßbar. Nur Religion gibt dem Menschen seine Würde, nur durch Religion ist Ethik und Moral denkbar. Nur durch Religion kann der Mensch seine Schuld loswerden und nur die religiöse Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode gibt dem Leben Hoffnung und Sinn. Leben kann keinen Sinn haben, nur Sterben kann einen Sinn haben.

Immer wieder hat der Mensch versucht sich selber zu definieren. Der Mensch will jemand, eine Person, sein. Der Mensch will wissen, wer er ist. Er will sich zum Beispiel aus der Masse an Menschen herausheben und durch seine Taten Unsterblichkeit erlangen. Gleichzeitig braucht der Mensch die anderen Menschen. Er braucht Heimat, Geborgenheit in einer Gemeinschaft und er will Teil eines wichtigen Ganzen sein. Auch dazu verhilft ihm die Religion. Sie ist wichtig für das Selbstverständnis des Menschen. Religion gibt dem Menschen eine einzigartige Würde als ein Geschöpf und Ebenbild Gottes. Sie reißt ihn damit aus seiner Nichtigkeit heraus und stellt ihn in ein bewußtes Leben hinein. Sie bindet den Menschen in eine Gemeinschaft ein und ist damit für ein Gemeinschaftsverständnis wichtig und sie befähigt ihn zur Teilnahme und Teilhabe. Sie ist auch ein Teil der Tradition und Geschichte eines Volkes und vermittelt damit ein Stück Heimat und Geborgenheit. Außerdem kann Religion den Menschen das Gefühl vermitteln an einer wichtigen Sache mitzuarbeiten und damit dem Leben einen Sinn geben.

Darin liegt natürlich auch die Gefahr von Religionen. Das religiöse Selbstverständnis macht den Menschen auch Stolz und Hochmütig. Umso stärker das religiöse Bewußtsein ist, desto größer ist auch die Gefahr der Intolleranz und Mißachtung Anderer. Die größte Gefahr besteht immer, wenn eine Religion mit einem Absolutheitsanspruch antritt. Automatisch stellt sich dann auch ein Gefühl der Überlegenheit, wenn nicht der Überheblichkeit, ein.

Religionen haben auch staatstragende Funktionen. Deshalb werden Religionen auch von Machthabern und Regierungen mißbraucht. Religionen sind Teil des Volksverständnisses, in Europa spricht man auch vom christlichen Europa um sich eine Identität zu geben und sich von anderen Kulturen abzugrenzen. Im Namen von Religionen wurden Kriege angezettelt. Mit Hilfe von Religionen wurden und werden Feindbilder aufgebaut und es werden andere Menschen für Minderwertig und Böse erklärt. Wirtschaftliche und machtpolitische Interessen bedienen sich auch der Religion um Menschen zu mobilisieren und zu manipulieren. Es wird den Menschen vorgemacht sich für eine gute und wertvolle Aufgabe einzusetzen um sie für eine kriegerische Aktion zu mobilisieren. Hinter Religionen stehen natürlich auch Organisationen, die mit der Zeit immer größere Eigeninteressen entwickeln und Menschen, die in dieser Organisation Arbeit und Lohn finden und dadurch natürlich auch Eigeninteressen haben. Religionen haben auch die Eigenschaft Menschen von sich abhängig machen zu wollen und Menschen zu manipulieren. Und Religionen sind ein Machtfaktor und wollen natürlich auch herrschen. Im Namen des Humanismus und der Menschenfreundlichkeit werden Menschen bevormundet und manipuliert. Dogmen führen die Menschen nicht in einen lebendigen Glauben hinein, sondern machen die Menschen unfrei, abhängig und selbstsicher. Religion ist nur zu ertragen, wenn sie mit Demut gekoppelt ist und in Zaum gehalten wird. Sie muß sich unter die Menschen stellen und den Menschen dienen. Religion ohne Demut ist unerträglich und führt zu nichts Gutem.

Religion ist die einzige Möglichkeit im Angesicht Gottes zu leben. Sie beruht auf menschlichen Erfahrungen und menschlichem Denken und auf der Gnade Gottes. Gott läßt es zu, dass wir uns ein Bild von Ihm machen weil er ein Interesse am Menschen hat. Nur wenn wir ein Bild von Gott haben können wir auch mit Ihm Gemeinschaft haben. Weil jeder Mensch verschieden ist, so ist am Ende auch jedes Bild von Gott verschieden. Es gibt Religionen, die sehen Gott als Schöpfer der alles geschaffen hat und jetzt sich in seinem Himmel davon ausruht oder als die Idee die hinter allem steht oder als den Geist der in allem lebendigen ist. Es gibt Vernunftreligionen, dort ist Gott der theoretische Gedanke der nötig ist um die Welt zu erklären. Für Karl Marx und die Aufklärer war Religion letztendlich einfach nur eine Einbildung, von der man sich freimachen muß.

Weil sich in den Religionen Erfahrung der Menschen mit Gott ausdrückt ist Religion auch ein Zeugnis für Gott. Dieser Gott der Erfahrung kann nur ein persönlicher, lebendiger Gott sein. So lange Gott der theoretische Gott, die Denknotwendigkeit, der unpersönliche Geist oder die Idee bleibt kann ich mit so einem Gott keine persönliche Beziehung haben. So ein Gott kann mir nicht helfen, mit so einem Gott kann ich nicht reden und so ein Gott hat mir nichts zu sagen.

 

Weil hinter Religiosität Erfahrung mit dem lebendigen Gott steht kann Religion auch zu einer wirklichen Glaubensbeziehung zu diesem Gott hinführen. Der Gott, der sich in den Bildern der Religionen offenbart, kann auch mit mir eine Verbindung haben. Wichtig ist immer was ich in den religiösen Bildern von Gott lernen kann. Und so kann ich die Zeugnisse der Heiligen zum Beispiel für mein eigenes Leben nehmen. Religion ist wichtig um eine Beziehung mit Gott aufzubauen und Religion hilft auch in dieser Beziehung zu Gott zu bleiben. In Predigten, Andachten, religiösen Büchern oder religiöser Musik höre ich von Gott und kann für mein Leben lernen und im Glauben wachsen. Menschen erfahren  Wegweisung und Zurechtweisung, Trost und Hoffnung. In Religionsgemeinschaften erfahre ich Gemeinschaft die in Lebens- und Glaubenskrisen helfen kann, die Hilfe und Geborgenheit gibt. Religiöse Menschen sind meistens auch gesündere Menschen weil die Frage nach der Schuld und Sünde geklärt ist. Religionen vermitteln mit ihren Riten und Traditionen Vergebung und Annahme durch Gott und Menschen. Menschen, die fest in einer Religion verwurzelt sind, haben in der Regel auch einen festeren Stand im Leben. Sie haben Ethische Grundlagen für ihr Leben und sie sind nicht so leicht durch äußere Einflüsse zu beeinflussen. Religionen ermöglichen einen Alltagsglauben, der eine wichtige Stütze im Leben ist.

Die Menschen profitieren von der Religion und auch Gott profitiert von der Religion. Ohne Religion, also ohne ein Bild von Gott, wäre eine Anbetung und Verherrlichung Gottes nicht möglich. Gott hat uns geschaffen damit wir Ihn als Herrn unseres Lebens anerkennen, Seinen Willen tun, Zeugnis für Ihn sind und Ihn anbeten. Er freut sich über unseren Gehorsam und unsere Verehrung.

Es gibt sehr viele verschiedene Religionen. Es gibt Religionen, die sehr dogmatisch sind und es gibt Religionen, die sehr offen sind. Welche Religion für den einzelnen Menschen die Richtige ist liegt natürlich auch an der Persönlichkeit jedes Einzelnen. Einige haben gerne einen festen Rahmen für ihr Leben – für Andere ist der Rahmen nicht so wichtig sondern die Möglichkeit der eigenen Erfahrung und der eigenen Auseinandersetzung. Religion ist nicht Glaube sondern kann immer nur der äußere Rahmen sein der Glauben, also eine persönliche Beziehung zu Gott, ermöglicht, unterstützt, schützt und zum Ziel führt. 

Die wichtigste Aufgabe von Religionen ist es die Menschen in eine persönliche Beziehung zum lebendigen Gott zu führen. Und den Menschen zu helfen diese Beziehung zu pflegen, auszubauen und zum Ziel zu führen. Entscheidend ist also immer die persönliche Beziehung des einzelnen Menschen zu Gott. Gott ist ein persönlicher Gott. Er ist der Schöpfer von Allem. Er ist aber nicht nur der Schöpfer und hat sich nach der Schöpfung zurückgezogen,  sondern Er ist auch der lebendige Gott der heute noch wirkt und erhält. Er hat auch den Menschen nach seinem Bilde geschaffen. Mit dem Menschen hatte Gott etwas Besonderes vor. Gott möchte ein Gegenüber haben; ein Wesen, mit dem er Kontakt haben kann, dem er seine Zuwendung geben kann und die Ihn dafür anbeten und verherrlichen. Er will zu uns reden und wir können mit Ihm reden. Er weiß was gut für uns ist und will uns alles geben was wir brauchen. Glaube soll nicht für uns Theorie bleiben sondern wir dürfen Erfahrungen mit diesem Gott machen. Wir sollen in eine Kommunikation mit Gott eintreten und wir können uns so ein eigenes Bild von Ihm machen. Wir können Ihn kennenlernen wie er wirklich ist. Gott soll für uns nicht eine Theorie bleiben, kein notwendiger Gedanke und auch keine Idee von irgendetwas Gutem, sondern unsere Glaube soll praktisch werden. Alle Theorie kann Erfahrung nicht ersetzen. Nur wirkliche praktische Erfahrung hat Zeugnischarakter und kann uns zu einer wirklichen Lebenserfahrung werden die unser Leben tragen kann. Und nur wirkliche Erfahrung  kann Grundlage wahrer Rede über Gott sein.

Es gibt Zeiten der Gottesferne und Zeiten Gottesnähe. In den Zeiten der Gottesferne helfen die Religionen Gott nicht zu vergessen. Zeiten der Gottesnähe, sind Zeiten der Neuausrichtung und der Sehnsucht nach wirklicher Begegnung mit Gott. Uns steht eine Zeit der Gottesnähe bevor.

Religionen äußern sich in Dogmen, Riten, Sitten, Rituale und Traditionen die einen Rahmen bieten um zu Glauben. Religion kann zum Glauben führen und kann auf dem Weg des Glaubens einen äußeren Rahmen vorgeben und helfen am Glauben zu bleiben. Jeder Mensch hat eine Vorstellung von Gott und versucht nach diesen Vorstellungen zu leben und diese Vorstellungen bestimmen das Leben bewusst oder unbewusst. Religion führt den Menschen aber auch immer in eine Unfreiheit und in Abgängigkeiten. Ziel des Lebens muß es sein immer mehr von den Äußerlichkeiten der Religiosität abzulegen und immer mehr in die Freiheit des Glaubens hineinzuwachsen. Dogmen führen am Ende weg vom Glauben. Wie viel Religion jemand nötig hat und wie viel Glauben jemand  wagen kann, ist eine sehr persönliche Frage, die nicht allgemein beantwortet werden kann.

Für die allermeisten Menschen hat die Vorstellung von Gott und der Glaube eine starke Bedeutung für ihr Leben. Sie haben eine gewisse Vorstellung von Gott. Sie stellen sich möglicherweise einen Gott vor der über allem wacht oder der nach dem Tod gute und schlechte Taten abrechnet und die Menschen in Hölle oder Himmel schickt. Die meisten Menschen denken auch, dass nach dem Tod nicht alles vorbei ist sondern das Leben in irgendeiner Form weitergeht. Menschen im christlich geprägten Westen nehmen das religiöse Angebot von Kirchen gerne an. Sie lassen ihre Kinder taufen und schicken sie zum Religionsunterricht. Die kirchliche Trauung gehört für viele Menschen immer noch zu einer Eheschließung dazu und beim Beerdigen nehmen auch die Meisten den Dienst der Kirchen in Anspruch. Unterschwellig ist bei fast allen Menschen ein gewisser Glaube zu verspüren. Erst bei ernsthaften Problemen und wenn die Menschen Not spüren wird auch das Bedürfnis nach dem Trost, Halt und Zuspruch in Glaubensgemeinschaften wieder größer. Und so geht es wohl den meisten Menschen in allen Erdteilen und in allen Religionen. Glaube – also eine Beziehung zu Gott wird nicht bewusst aber doch unbewußt von den meisten Menschen gelebt.

Glaube hat nichts mit einem für Wahr halten oder mit einem Meinen zu tun. Wenn ich von Glaube spreche so meine ich eine persönliche Beziehung zu Gott. Religion hat einen mehr statischen Charakter. Glauben hingegen ist ein dynamischer Prozeß. Es ist eine lebendige Beziehung zum lebendigen Gott, dem Schöpfer und Erlöser. Ich verlasse mich auf Gott und binde meine Existenz an sein Wollen. Ich vertraue Gott und vertraue mich Ihm an. Ich bin Ihm gehorsam und sein Wille ist für mich maßgebend. Gott kennt mich besser als ich mich selber. Er weiß was gut für mich ist und will mir das Gute zukommen lassen. Glauben ist Kommunikation zwischen Mensch und Gott und Glaube ist Entwicklung und Veränderung. Religion muß sich an der Freiheit messen die es dem Menschen ermöglicht. Damit meine ich die Freiheit von mir selber, von den Menschen und von Gott. Also von meiner eigenen Sorge um mich, Freiheit von der Abhängigkeit von Menschen und Freiheit von den eigenen Vorstellungen von Gott. Diese Freiheit ist aber gleichzeitig eine Freiheit für mich selber, für den Menschen und für Gott. Also eine Freiheit für meine wirklichen Bedürfnisse,  für das Dasein und die Not der anderen Menschen und eine Freiheit wirklich Gott kennenlernen zu wollen und zu können.

Glaube fängt für mich mit einer ganz bewussten Lebensübergabe an Ihn an. Nicht was ich will, denke und wünsche ist für mich maßgebend sondern Gottes Wille steht im Mittelpunkt. Weil ich weiß, dass er besser weiß was gut für mich ist, lebe ich nicht nach meinen Bedürfnissen sondern bin offen für Seine Wegweisung. Das Neue Testament spricht in dem Zusammenhang auch von einer Wiedergeburt, von einem neuen Leben und von einem neuen Herz. Ich finde Wiedergeburt eine treffende Aussage weil ab der Lebensübergabe an Gott sein Wille und nicht mehr mein Wille mein Leben bestimmt. Es ist auch von einem neuen Herz die Rede, das bedeutet: nicht mein Wollen sondern Sein Wollen ist für mich entscheidend und ich richte mich danach aus.  Ich gebe mich Ihm hin und lasse mich auf Veränderungen durch sein Wirken ein. Ich suche Seinen Willen für mein Leben und richte mein Leben danach aus. Ich habe den Wunsch Ihn in alle Ewigkeit zu verherrlichen. Glauben heißt für mich Freiheit von mir, vom Menschen von Gott für mich, für den Menschen und für Gott.

 

Glauben setzt einen lebendigen Gott voraus. Gott sucht die Gemeinschaft mit dem Menschen. Gott ist nicht nur der verborgene Gott sondern auch der offenbare Gott. Er hat sich in der Geschichte offenbart und er offenbart sich auch noch heute. Weil Gott die Gemeinschaft mit den Menschen sucht ist Er ein redender Gott. Reden Gottes zu einem Menschen ist immer eine Begegnung mit dem lebendigen Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Die Bandbreite der Intensität der Begegnung ist dabei sehr breit. Es kann ein Gedanke sein der plötzlich da ist und einen Menschen nicht mehr loslässt; es kann aber auch ein extrem starkes Erlebnis sein was die ganz Existenz in Frage stellt. Das Reden Gottes kann dabei Kleinigkeiten bewirken oder das ganze Leben auf den Kopf stellen. Durch das Reden Gottes kann zum Beispiel einem Menschen klar werden nicht mehr zu rauchen oder es kann ein Satz sein der einen Menschen tröstet und der neuen Mut gibt. Das Reden Gottes zu einem Menschen kann aber auch ein extrem starkes Erlebnis sein und kann dem Menschen klar werden lassen sein Leben von Grund auf zu ändern. Es kann eine Machterzeigung Gottes sein die das ganze bisherige Leben in Frage stellt und dazu auffordert einen ganz neuen Lebensweg ein zu schlagen. Reden Gottes kann trösten, zurechtweisen, Impulse geben oder auch das ganze Leben auf den Kopf stellen.

Die Möglichkeiten Gottes den Menschen anzureden sind unendlich groß. Es ist auch immer von der persönlichen Empfindung des Menschen abhängig. Was der eine als ein Reden Gottes empfindet kann für einen anderen ohne Bedeutung sein. Das Reden Gottes ist auch nicht an bestimmte Zeiten, Orte oder Gegebenheiten gebunden. Gott kann durch eine Predigt zu Menschen sprechen aber auch genauso gut durch ein Lied; es kann das unbeabsichtigte dahin gesprochene Worte sein oder eine wohldurchdachte Ansprache. Das Reden Gottes kann ein völlig aus dem Zusammenhang genommene Satz oder sogar ein einzelnes Wort sein und genau so gut der Zusammenhang in einem Text. Es kann ein wörtlich verstandener Text sein und genauso ein allegorisches Verständnis eines Textes.  Ein Bild kann uns zum Reden Gottes werden – das kann ein Bild in einer Kirche sein und genau so gut ein Bild in einer Galerie. Auch die Schöpfung Gottes kann zu einem Reden Gottes an mir werden. Auch Wissenschaft und Forschung kann die Menschen demütig machen vor der Unergründlichkeit der Schöpfung Gottes. Isaak Newton hat vor 300 Jahren geschrieben: „Sein und Wissen ist ein uferloses Meer: Je weiter wir vordringen, umso unermesslicher dehnt sich aus, was noch vor uns liegt; jeder Triumph des Wissens schließt hundert Bekenntnisse des Nichtwissens in sich.“ Das ist ein Satz, der gerade in den letzten 100 Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat und heute aktueller ist als je zuvor. Wichtig ist immer nur, dass der einzelne Mensch dieses Ereignis als eine Ansprache Gottes empfindet. Eines Gottes, der den Menschen zurechtweisen will, der den Menschen trösten will oder verändern will.

Gott ist der persönliche Gott. Er kennt jeden einzelnen Menschen durch und durch und weiß was gut für ihn ist. Er nimmt Anteil am Leben jedes Menschen. Es ist sein Wille Gemeinschaft mit den Menschen haben zu wollen weil er eine persönliche Beziehung zu Wesen möchte, die Ihn erkennen, die Ihm dienen und die ihn in alle Ewigkeit verherrlichen. Und so kann sein Reden zum Menschen auch ganz verschiedene Bedeutungen haben. Gottes Reden kann die Menschen in eine persönliche Beziehung hineinholen oder zurückholen. Sein Reden kann dazu dienen Erfahrungen mit Ihm zu machen und ihn kennen- und lieben zu lernen. Sein Reden hat auch die Bewandtnis Menschen in einen Dienst für Ihn zu berufen. Am Ende soll sein Reden die Menschen lehren los zu lassen und mit lehren Händen vor Sein Angesicht zu treten um Ihn in alle Ewigkeit an zu beten.

Unterscheiden muß man zuerst, ob sich dieses Reden Gottes auf eine konkrete Situation bezieht, oder ob dieses Reden Gottes ein Einhalt gebietendes Zeichen ist, was dem Leben eine neue Richtung geben will. Konkrete Situationen können zum Beispiel sein der Trost durch Gott in einem Trauerfall oder die Zurechtweisung Gottes nach einem Fehlverhalten oder die Zusage der Vergebung und die Erlösung wenn uns unsere Trennung von Gott und unsere Verlorenheit deutlich wird. Gottes Reden kann aber auch mit aller Macht in unser Leben hereinbrechen. Das kann für uns ein Zeichen sein still zu stehen und zu hören. Mose erlebte Gott in einem brennenden Dornbusch – das war für ihn das Zeichen stille zu stehen und auf Gott zu hören. Martin Luther hatte das Erlebnis mit dem Gewitter – das war für ihn das Zeichen stille zu stehen und seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Der Mensch hat immer die beiden Möglichkeiten - er kann sagen: so stelle ich mir mein Leben vor, das will ich tun, das finde ich richtig - oder er kann fragen: was will Gott das ich tue. Starke Offenbarung Gottes kann für den Menschen der Auslöser sein Gott zu fragen - und der Mensch macht sich auf den Weg zu einem neuen Leben.

Das klingt erst einmal sehr theoretisch – Glaube ist aber nicht Theorie sondern Lebensvollzug die auf  einer Kommunikation zwischen zwei Personen beruht. Deshalb ist es ganz entscheidend zu wissen, wie eine Kommunikation zwischen Gott und Mensch aussehen kann. Es geht um ganz grundlegende und das ganze weitere Leben bestimmende Entscheidungen, deshalb darf es dabei keine Fehler oder Missverständnisse geben.

Gott ist für mich ein persönlicher Gott. Er ist keine Kraft, die alles durchwirkt; auch kein Geist, der in allem ist oder ein Schöpfer, der einmal durch einen Urknall alles in Gang gesetzt hat. Er ist eine Person mit der ich reden kann, die präsent ist und mein Leben kennt. Gott ist  der Schöpfer dieser Welt. Das heißt für mich auch, dass er auch heute noch der Erhalter und der schöpferische Gott ist der auch heute diese Welt erhält. Und Gott ist der Erlöser. Er nimmt mich an wie ich bin; will mein Leben verändern und er will, dass ich einmal in seinem Reich bei Ihm bin und Ihn in alle Ewigkeit verherrliche. Glaube und Handeln sind immer zwei Seiten die zusammen gehören. Ein Glaube, der nur in der Anschauung bleibt ist ein toter Glaube. Nur wenn aus dem Glauben auch Schritte des Glaubens folgen, kann ich auch Erfahrung mit Gott machen.

Gott ist aber natürlich auch der fremde und unbekannte Gott. Kein lebender Mensch kann Gott schauen. Trotzdem kann ich Erfahrungen mit Gott machen indem ich mich Ihm anvertraue und Schritte des Glaubens tue. Alles was wir von Gott wissen, ist persönlich Erfahrenes oder indirektes Wissen von Gott - also die persönliche Erfahrung Anderer. Gott ist unberechenbar; ein berechenbarer Gott wäre ein Götze. Nur ein Wissen von Gott, was sich im praktischen Lebensvollzug bewährt hat, ist wirkliches Wissen von Gott. Alles andere ist Einbildung, Wunschdenken oder Theorie die nicht hilft. Dabei hat meine Erfahrung erst einmal nur für mich persönlich eine Bedeutung – aber Gott kann meine Erfahrung auch zum Zeugnis für andere Menschen werden lassen. Wirklicher Glaube kann sich erst im Nachhinein bestätigen.

Dem Glauben des Menschen geht immer ein Reden Gottes voraus. Gott redet, man könnte auch sagen: er offenbart etwas von seinem Willen und Wesen und der Mensch geht auf das Reden Gottes hin Schritte des Glaubens, also des Vertrauens. Das bedeutet, der Mensch erkennt für sich persönlich dieses Reden Gottes als eine ganz persönliche Ansprache Gottes an sich selber - der Mensch vertraut diesem Reden Gottes und ändert sein Leben. Glauben ist ein dynamischer Prozeß. Ein sich auf Gott einlassen, ein herantasten an die Wahrheit und ein Erfahren der Wahrheit Gottes. Gott redet zum Menschen – der Mensch vertraut diesem Reden und handelt.  Durch sein Handeln macht der Mensch Erfahrung mit dem Reden Gottes. Grundvoraussetzung dabei ist Offenheit und Ehrlichkeit vor Gott und das ehrliche Verlangen wirklich Gott gehorsam sein zu wollen.

So wächst im Laufe der Zeit ein vertrauensvolles und liebevolles Verhältnis zu Gott. Weil ich gute Erfahrungen mit Gott mache, vertraue ich Ihm immer mehr. Ich erkenne die Wahrheit Gottes in dem was er an mir tut. Ich erkenne Gott führt mein Leben gut ich kann mich auf Gott verlassen und Ihm vertrauen. Ich kann immer mehr von mir in seine Hand legen und frei werden Ihm immer mehr zu vertrauen. Ich kann immer mehr von der Sorge um mich abgeben und aus seiner Hand das nehmen was gut für mich ist. Glauben heißt auch Wagnis. Es ist ein ständiger Spagat zwischen dem Verlangen sich ganz in Gottes Hände legen, alles aus seiner Hand nehmen und Ihm ganz zu Vertrauen und einem Leben in eigener Regie. Es ist die Spannung zwischen Loslassen dürfen und Festhalten müssen. Ständig muß die Grenze zwischen Glauben und Selbermachen neu bestimmt werden. Glauben bedeutet Herrschaftsübergabe. Martin Luther hat das so ausgedrückt: „der alte Adam muß jeden Tag neu ersäuft werden“.

Die erste Begegnung mit Gott ist in einigen Fällen für den Menschen ein geradezu überwältigendes Erlebnis. Der lebendige Gott, Schöpfer und Herr des Himmels tritt dem Menschen entgegen und der betroffene Mensch erkennt dieses Erlebnis als ein Reden Gottes zu sich ganz persönlich. Der Mensch kann da nur Stillestehen. So ein Erleben kann das Leben eines Menschen in eine ganz neue Richtung lenken. Ein sehr treffendes Beispiel ist Martin Luther. Ein Blitz schlägt in seiner Nähe ein. Er erkennt in diesem Blitzschlag ein Eingreifen  Gottes in seinen Lebensweg. Durch dieses Ereignis ist er so getroffen, dass er beschließt sein bisheriges Leben aufzugeben um Mönch zu werden um ganz Gott zu dienen. Nur starke Gefühle können ein Menschenleben in ganz neue Bahnen lenken. Und so hat dieses Ereignis seinen Lebensweg ganz und gar geändert. Es war das Ende eines alten Lebens und der Beginn eines neuen Lebens unter der Herrschaft Gottes. Für Martin Luther begann nach dem Ereignis eine Zeit des Fragens und der Auseinandersetzung mit Gott. Es war für Luther eine sehr intensive, bis in die tiefste Existenz gehende Auseinandersetzung mit seinem Leben und mit Gott und das Studium der heiligen Schriften. Nicht nur sein bisheriges Leben sondern auch alle bisherigen Vorstellungen von Gott wurden in Frage gestellt. Es wurde ihm deutlich, dass er sich mit nichts die Gnade Gottes verdienen kann. Bis Ihm nach etlichen Jahren des Nachdenkens, der Ungewissheit über das Wesen Gottes und der tiefen und schonungslosen Selbstzweifel eine neue Sichtweise von Gott deutlich wird und er seine Berufung erkennt.

Wenn so ein neuer Lebensabschnitt durch das machtvolle Eingreifen Gottes beginnt so beginnt eine Zeit der inneren Kämpfe und Auseinandersetzung mit sich selber und mit Gott. Gott offenbart sich dem Menschen weil Gott für den Menschen einen Auftrag hat. Damit der Mensch diesen Auftrag erfüllen kann muß Gott den Menschen verändern. Deutlich wird das an der Lebensgeschichte von Martin Luther. Martin Luther ist in seiner ganzen Persönlichkeit von diesem Gewittererlebnis getroffen. Er erkennt dieses Erlebnis als ein Eingreifen Gottes in sein Leben und er will sich Gott ganz zur Verfügung stellen. Das bedeutete damals für ihn ins Kloster zu gehen. Erst nach vielen Jahren der inneren Kämpfe und des Studium war die Zeit reif dafür, dass Gott ihm eine neue Sichtweise der biblischen Überlieferung deutlich machte. Die neue Botschaft von dem gnädigen Gott hat anschließend die Welt verändert weil die Zeit für diese Botschaft, für diese neue Sichtweise von Gott reif war. Gläubig sein heißt leben mit anderen Perspektiven; Gott ist Herr der Vergangenheit. Gläubigwerden bedeutet erst einmal Gott als Herrn des Lebens anerkennen. Es ist eine Lebensübergabe. Gott bestimmt jetzt den Weg des Lebens und der Mensch kann sich nur noch im Gehorsam unter Gott beugen und seine Herrschaft anerkennen. Ein neuer Wille beherrscht jetzt den Menschen. Er will nicht mehr nach seinem Willen und seinen Bedürfnissen leben sondern ist bereit alles zu tun was Gott ihm aufzeigt. Gläubigwerden ist oft auch mit einer neuen Einstellung zu sich selber und den Mitmenschen verbunden. Auch die Vergangenheit erscheint in einem neuen Licht – was bisher unsinnig, vergebens und unklar erschien, bekommt plötzlich einen Sinn und eine Bedeutung.  Kein Tag des bisherigen Lebens ist vergebens und verloren – jeder Tag, jede Stunde und jede Begebenheit hat seinen Sinn und seine Bedeutung und ist nicht vergebens gelebt.

Gottes Reden will unser Leben verändern und eine neue Richtung geben. Das kann in einer konkreten Situation der Fall sein, kann aber auch bewirken, dass der Mensch sein Leben grundsätzlich ändert und einen ganz neuen Lebensweg einschlägt. Gott will das wir das Loslassen üben um einmal in der Ewigkeit bei Ihm zu sein und Ihn in alle Ewigkeit zu verherrlichen und Gott will, das wir tüchtig werden Ihn in dieser Welt zu verherrlichen. Bei so grundsätzlichen Lebensentscheidungen ist es natürlich sehr wichtig das Reden Gottes richtig zu deuten um nicht einen falschen Weg zu gehen. Die Grundvoraussetzungen sind eine absolute Offenheit und Ehrlichkeit vor Gott und der Wille Ihm von ganzem Herzen zu gehorchen und Demut. Mit dem Gläubigwerden beginnt ein dynamischer Prozeß. Von entscheidender Bedeutung ist es für diesen Prozeß,  dass Gott auch der Herr des Menschen bleibt. Martin Luther hat das so ausgedrückt: „der alte Adam muß jeden Tag neu ersäuft werden“. Der alte Mensch, der alte, selbstsüchtige Wille des Menschen, beginnt sofort damit die Herrschaft über den Menschen zurückzugewinnen. Von entscheidender Bedeutung ist es deshalb in einer Haltung der Demut vor Gott zu bleiben. Eine fragende Grundhaltung des Menschen ist dafür Voraussetzung. Dazu gehört Ehrlichkeit vor Gott und eine Offenheit für sein Reden und der ehrliche Wille wirklich seinem Willen zu gehorchen. Gott will den Menschen verändern und umgestalten. Der Mensch soll nicht bleiben wie er ist. Gott will den Menschen tauglich machen für eine Dienst in der Welt und er will den Menschen bereit machen Ihn in alle Ewigkeit an zu beten. Es geht dabei nicht um die Aneignung theoretischen Wissens, sondern darum Gott in seinem Wesen kennen zu lernen um Ihn vor den Menschen zu verherrlichen und darum, das Loslassen zu üben um nach dem Ende des irdischen Lebens Ihn in seinem Reich in alle Ewigkeit zu verherrlichen.
Mit Gott zu leben bedeutet auch ein Leben mit ganz anderen Perspektiven. Ich bin nicht verloren in der Welt sondern habe meinen Platz. Ich bin geliebt und angenommen. Ich habe einen starken Rückhalt. Ich brauche keine Angst zu haben. Und ich habe eine Zukunft vor mir wo ich mich jeden Tag mehr auf die Zukunft freuen kann.
Eine persönliche Beziehung zu Gott zu haben, Seinen Willen zu erkennen und sich nach Seinem Willen auszurichten ist das Beste, was einem Menschen passieren kann. Der lebendige Gott will persönlichen Kontakt mit uns pflegen, er will unser Leben verändern, prägen und er will uns zum Ziel des Lebens führen. Deshalb ist es das Wichtigste unterscheiden zu lernen was Reden Gottes ist und was nicht Reden Gottes ist sondern der eigene Wille. So wie Glaube eine persönliche Beziehung ist wo jeder Mensch seinen eigenen Weg finden muß, so ist auch das Reden Gottes zum Menschen eine sehr persönliche Angelegenheit wo jeder Mensch nach seiner Persönlichkeit diese Beziehung pflegen muß. Jeder Mensch ist verschieden, jeder hat eine andere Persönlichkeit und eine andere Geschichte; deshalb kann es auch kein Patentrezept geben wonach ein Mensch den Willen Gottes erkennt und den rechten Weg geht. Das Reden Gottes hören und den Willen Gottes erkennen, heißt eher in einen dynamischen Prozeß der Kommunikation mit Gott ein zu treten. Religion kann dabei helfen. Die Grundvoraussetzungen sind eine absolute Offenheit und Ehrlichkeit vor Gott und der Wille Ihm von ganzem Herzen zu gehorchen also Demut. Glaube ohne Demut führt zur Sektiererei. Gott muß der Herr des Lebens sein und bleiben.

Mit dem angeblichen Willen Gottes kann der Mensch, wenn er will, fast alles rechtfertigen. Gegen so ein Argument läßt sich nur wenig sagen. Es gibt auch Menschen die meinen Wille Gottes kann nur sein was für den Menschen selber negativ ist, weil sie denken was negativ für mich ist kann mein Wille nicht sein – muß also automatisch Gottes Wille sein. Andere Menschen nehmen ganz im Gegenteil an: Reden Gottes kann nur Gutes für mich bedeuten, weil Gott es gut mit mir meint. Gott ist jedoch frei in seinem Handeln und läßt sich nicht auf eine Methode festlegen. Deshalb ist es zu einfach so zu denken. Entscheidend für das menschliche Handeln sind die Motive, die diesem Handeln zugrunde liegen. Deshalb ist es wichtig sich selber sehr kritisch zu sehen und die eigenen Motive und Beweggründe zu erforschen und zu kennen.
Gottes Reden kann sehr unmittelbar in meinem Leben passieren. Gott kann mich durch ein Wort, einen Satz, Lied usw. unmittelbar und sofort ansprechen und zum Beispiel Trösten. Oder der von Schuld beladene Mensch kann direkt und unmittelbar Erlösung erfahren. Gott kann auch direkt durch mein Gewissen zu mir sprechen und kann mich auf Fehlverhalten hinweisen. Unmittelbares und direktes Reden Gottes geht sofort und ohne Nachdenken ins Gefühl. Es kann Trösten, Aufrühren, Erlösen und Bewegen.  Nur starke Gefühle können den Menschen wirklich bewegen, deshalb kann Gott uns durch starke Gefühle auf den Weg bringen. Wenn der Mensch den Weg des Glaubens einschlägt, wird dieses unmittelbare Reden Gottes aber immer weniger werden und der Verstand des Menschen wird ein immer größeres Gewicht bekommen Um den richtigen Weg zu finden, auf dem Weg zu bleiben und Gottes Willen zu erfüllen brauchen wir mehr und mehr den Verstand. Ohne eine verstandesmäßige Durchdringung aller Zusammenhänge werden wir den aktuellen Willen Gottes für uns und der Welt nicht erfassen können.

Grundlage aller Betrachtungen muß das große Ziel Gottes mit der Welt und den Menschen sein. Es ist der ewige Wille Gottes der für alle Zeiten gleich bleibt und Grundlage seines Handelns ist, dass wir ihn als den persönlichen Gott kennen lernen. Er sucht die persönliche Beziehung zu Wesen, die Ihn suchen, Ihn lieben und Ihn in alle Ewigkeit anbeten. Deshalb offenbart sich Gott den Menschen. Menschen sollen Ihn kennenlernen und lieben lernen. Wir sollen das Loslassen lernen und uns auf das Leben in alle Ewigkeit mit Ihm vorbereiten. Menschen sollen Zeugnis für Ihn sein, damit immer mehr Menschen Ihn kennenlernen und eine persönliche Beziehung zu Ihm wünschen.

Gottes Wille und Anspruch kommt mit dem Gläubigwerden in das menschliche Leben hinein und will das zukünftige Leben bestimmen. Nicht mehr ich bestimme mein Leben, sondern Gott bestimmt mein Leben. Damit Gott mein Leben bestimmen kann, muß es darum gehen eine eigene persönliche Art der Kommunikation mit Gott zu entwickeln und zu pflegen. Und ein Gefühl dafür zu entwickeln wie Reden Gottes zu mir persönlich geschieht und meine entsprechende Antwort zu finden. Glauben hat immer auch mit Erfahrung zu tun. Eine Theorie muß sich in der Praxis bewähren – sonst taugt sie nicht und hat keinen Wahrheitsgehalt. Genauso muß sich auch Glaube in der Praxis, also im Leben, bewähren sonst bleibt sie nur eine Theorie – eine Gedanke oder Religion. Wahrheit muß ich erfahren - es hilft nicht sie im Kopf zu haben. Glaube ist gelebte Wahrheit. Nur wenn ich die Wahrheit Gottes lebe kann ich selber Wahr werden und werde Zeugnis für die Wahrheit sein. Glaube ist auch ein Stückweit Vertrauen. Vertrauen setzt immer ein Wagnis voraus. Nur wenn ich den Schritt des Glaubens gehe, kann ich lernen, dass dieser Schritt des Vertrauens auf Gott trägt und mich ein Stück weiterbringt auf dem Weg des Glaubens. Wenn ich Gottes Fürsorge, Zurechtweisung, Wegweisung und Hilfe erfahre, kann ich immer mehr Vertrauen zu ihm gewinnen. Nur so kann ich Stück für Stück Loslassen üben und sterben lernen. Religion ist ein mehr statischer Prozeß – Religion ist Glaube aus zweiter Hand. Glaube hingegen ist ein dynamischer Prozess – er bedeutet sich ein eigenes Bild von Gott machen. Glaube nur auf Erfahrung begründet, ohne Verstand, kann nicht funktionieren. Nur wenn ich Reden Gottes richtig verstehen und einordne kann ich sicher sein auf dem Weg des Glaubens zu bleiben. Zum richtigen Verstehen hat uns Gott den Verstand und das Urteilsvermögen gegeben. Glaube hat auch mit Gefühl zu tun. Aber auf Gefühle kann man sich nicht verlassen sondern müssen durch den Verstand gerechtfertigt und begründet sein.

Ich kann nur eine Beziehung zu Gott entwickeln, wenn ich das Zeugnis Gottes kenne. Glauben kann es nicht im luftleeren Raum geben, sondern passiert immer im Kontext mit anderem Zeugnis Gottes. Damit meine ich das bisherige Reden Gottes zum mir, das Zeugnis Gottes von anderen Menschen und das Zeugnis Gottes in der Weltgeschichte. Das Gesamtzeugnis Gottes in der Welt gibt meinem Glauben die Herausforderung, die Richtung, die Zurechtweisung, die Korrektur und die Anregung. Persönlicher Glaube heißt auch sich mit dem Glauben anderer auseinandersetzen. Eine andere Sichtweise von Gott fordert mich heraus über meine Sichtweise nach zu denken. Ein gutes Beispiel kann mir die Richtung weisen zur Veränderung. Es kann Zurechtweisung und Korrektur sein. Und ein Zeugnis kann Anregung zum Neudenken sein. Glaube braucht die Auseinandersetzung mit anderen und mit sich selber.

Es wird deutlich, dass Gott auch der Herr meiner Vergangenheit ist. Er hat bisher die Hand über mein Leben gehalten und hat mich zu sich geführt. Mein Leben ist eine Führung Gottes und ich kann dankbar sein für jede vergangene Stunde. Alles hat seinen Sinn und keine bisherige Stunde des Lebens war vergebens. Gott will meine Vergangenheit gebrauchen für die Zukunft. Im Lichte Gottes entdecke ich mein Leben neu. Wenn ich ehrlich vor Gott sein kann, so kann ich auch ehrlich vor mir selber sein. Ich brauche mir nichts vormachen weil ich gehalten und angenommen bin. Es ist eine Chance ja zu mir selber sagen zu können und für eine ehrliche Selbstanalyse. Er kennt mich und nimmt mich an wie ich bin und auch ich darf mich kennenlernen und mich annehmen. Nur wenn ich weiß wer ich bin und wo ich herkomme, so kann ich auch herausfinden, wer ich sein soll und was ich tun soll. Nur wenn ich meine Vergangenheit im Lichte Gottes beurteile, kann ich mich heute kennen und herausfinden was Gott morgen von mir will. Ist der Anfang des Glaubens durch starke Eindrücke geprägt, so ist doch der weitere Weg ein Weg der Mühsal, der Auseinandersetzung und der inneren Kämpfe. Aber nur wenn ich mein Leben kritisch betrachte und wenn es mir gelingt mein Leben mit dem Zeugnis Gottes in der Welt in Einklang zu bringen wird es mir gelingen meine Persönlichkeit, wie Gott mich sieht, herauszufinden und mich selber zu finden. Der Mensch ist kein Einzelwesen, sondern kann nur im Kontext mit der Umwelt sein. Und wer ich bin erfahre ich nur im Spiegel der Anderen. Und nur wenn ich die Vergangenheit und Gegenwart kenne und die Zeichen der Zeit beachte kann ich meinen weiteren Weg, den Weg der Veränderung erfolgreich gehen und herausfinden was Gottes Plan ist und was ich tun soll.
Im Glauben kann es keine Sicherheit oder gesicherte Erkenntnis geben. Ich kann nur Schritte im Vertrauen auf Gott gehen. Am Ende kann ich mich nur Gott ganz hingeben und mich darauf verlassen, dass Gott zur rechten Zeit das Rechte gibt. Gott ist souverän und läßt sich nicht festlegen. Deshalb kann es kein Rezept geben wie ich auf dem richtigen Wege bleibe.  Es kann im Glauben nur Indizien geben die deutlich machen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Indizien können sein ein Anwachsen des Vertrauens auf Gott und der Liebe zu Ihm. Oder die wachsende Vorfreude auf die Ewigkeit. Weitere Indizien können sein die wachsende Liebe zu den Menschen. Wichtig ist es ein Gefühl für Gottes Handeln und Reden zu entwickeln. Ich muß Glauben erfahren - nicht theoretisch durchdenken. Erfahrung kann aber immer nur durch Denken gerechtfertigt sein. Ohne Einordnung der Erfahrung durch Denken kann Glaube auch nicht funktionieren weil ich dann Spielball der widerstrebenden und widersprechenden Gefühle wäre. Am Ende bleibt immer nur die Möglichkeit stehen zu bleiben um still zu werden und auf Gott zu hören.
Um wissen zu können was Gott heute tun will, muß man wissen wer Gott ist und was Er bisher getan hat. Es muß also zuerst die Geschichte Gottes mit dieser Welt und den Menschen erforscht werden. So hat sich das Bild von Gott im Laufe der Jahrtausende ganz grundsätzlich verändert und weiterentwickelt. Maßgeblich waren dafür immer die Denkfähigkeit der Menschen und die Lebensumstände in denen er lebte. Das Bild von Gott hat sich entwickelt vom Bild einer archaischen Naturreligion zum Monotheismus heutiger Prägung. Für die ersten Menschen war Gott der konkrete Gott, der sich in der Natur und in den Naturerscheinungen offenbart. Gott war der direkte Geber von Nahrung und Sicherheit. Er war in allem Geschaffenen. Das Bild von Gott hat sich weiterentwickelt über die Religionen der Ackerbauern und Dorfbewohner über die immer abstrakter werdenden Religionen der Stadtbewohner mit einem immer komplizierter werdenden Überbau an Gebräuchen, Riten und Kulthandlungen bis hin zum abstrakten Gott der heutigen Zeit. Deutlich ist: Gott redet zu den Menschen, wie sie es verstehen. Die ersten Menschen hatten einen sehr direkten Draht zu Gott. Im Laufe der Geschichte bildeten sich besonders begabte Menschen heraus, die dann stellvertretend für eine Sippe den Kontakt zu Gott pflegten, zum Beispiel Schamanen und Medizinmänner. Bei den Stadtreligionen waren es Priester und Schriftgelehrte, die sich mit den komplizierten Kulthandlungen und Riten auskannten und das Reden Gottes für die Menschen auslegten.  Ein ganz besonderes Beispiel für das Reden Gottes mit den Menschen ist die Religion der Juden und die daraus entstandenen religiösen Vorstellungen von Gott. Neben den hier schon erwähnten Möglichkeiten waren es vor allem Propheten, Gottesmänner und -frauen, durch die Gott zu den Menschen sprach. Gott berief zum Beispiel Propheten, die dem Volk den Willen Gottes kundtaten. Er schickte Jesus in diese Welt. Jesus Christus ist für alle Zeiten das mächtigste Reden Gottes in dieser Welt. Aber auch nach Jesus hat Gott diese Welt verändert durch Männer und auch Frauen, die sich Ihm ganz hingaben und die Hingabe lebten. Die Bilder der Menschen von Gott, also die Religionen, haben  sich im Laufe der Weltgeschichte ständig gewandelt. Genauso wie sich der Mensch weiterentwickelt hat – vom Jäger und Sammler zum modernen Konsummenschen -  so hat sich damit auch die Religion der Menschen weiterentwickelt – von der Naturreligion zur Religion der Moderne. Und auch das Bild von Gott vom Naturgott zum heutigen Geistgott, hat sich der Zeit angepasst. Maßgeblichen Anteil daran haben Männer und Frauen die ihrer Zeit voraus waren und durch ihr prophetisches Wort Gottes Reden in ihre Zeit hinein offenbart haben.

Religion war auch immer ein Machtfaktor und so hat Religion die Geschicke der Menschen bis heute stark mit bestimmt. Wenn früher ein Feldherr Krieg führen wollte, so hat er Orakel befragt ob so ein Krieg unter günstigen Bedingungen steht. Und auch noch heute wird Religion gebraucht, um Hass und Misstrauen zu schüren und Völker aufeinander zu hetzen. Kirchen haben auch heute noch staatstragende Funktionen. Neben allen Machtspielen und allem Schachern um Geld, Einfluß und Pfründe waren die entscheidenden Momente in der Religionsgeschichte aber immer die, wo Menschen sich ganz Gott hingaben und Gott durch diese Menschen neue Impulse gab, Kirchen reformierte und wirkliche Erweckung bewirkte. Das waren die Momente, die den Religionen neues Leben einhauchten und die wirklich etwas veränderten. Kirchengeschichte ist immer ein Kampf zwischen dem Beharrungsvermögen der alten Strukturen und eines alten Bildes von Gott und einer neuen Struktur, eines neuen Bildes von Gott, das den Menschen deutlich werden will.

Um einen Blick in die Zukunft tun zu können, muß ich die Vergangenheit kennen. Die Geschichte ist ein Prozeß der Entwicklung und der Veränderung. Es gibt vieles was sich immer wieder wiederholt. Es gibt aber auch immer etwas Neues, etwas was noch nicht da war, also eine Weiterentwicklung. Es ist die Geschichte des Menschen, der sich im Grunde seines Herzens nicht verändert hat. Und es ist die Geschichte von Gott, der zwar immer der Gleiche ist, der von den Menschen aber immer anders gesehen und wahrgenommen wird. Es ist die Geschichte von Macht und Einfluß. Von Reichen, die kommen, aufstreben, die ihre Blüte erleben und wieder untergehen. Neben dem was statisch ist, was sich immer wieder wiederholt, können wir natürlich auch eine Entwicklung beobachten, eine Dynamik, die in den letzten Jahrhunderten geradezu atemberaubend zu nennen ist. Der Mensch hat sich vom Jäger und Sammler zum modernen Konsummenschen westlicher Prägung verändert. So sind auch die Umweltbedingungen des Menschen vollkommen anders geworden. Von der Ackerbauergesellschaft zur modernen, hochtechnisierten Massengesellschaft. Wie sich die Gesellschaft verändert hat, so hat sich auch das Bild von Gott immer wieder den neuen Gegebenheiten angepasst. Wenn wir wissen, wie Gott sich in der Vergangenheit offenbart hat, und wie sich sein Bild im Laufe der Geschichte verändert hat, müssen wir die Gegenwart kritisch betrachten. Wenn wir wissen wie sich die Welt verändert hat, wie sich der Mensch verändert hat und wie sich das Bild von Gott verändert hat, müssen wir dieses Wissen auf die Gegenwart anwenden. Ohne Verständnis für die Vergangenheit, werden wir das Heute nicht verstehen.

Wir leben heute in einer aufregenden, schnelllebigen und absolut dynamischen Zeit. Wenn wir den Menschen heute betrachten, so sehen wir eine Vielfalt und Bandbreite, die es vorher so nicht gab. Es gibt Menschen, die Leben noch heute als Jäger und Sammler wie damals vor 10000 Jahren in der Steinzeit und es gibt Menschen, die leben als Konsumenten in den westlichen Massengesellschaften. Wir sehen also heute unsere Gegenwart und gleichzeitig unsere Vergangenheit. Die meisten Menschen leben aber als „moderne“ Menschen in den Industrieländern oder streben zumindest danach. Einige Länder haben die Stufe der Industrieländer schon überwunden und sind zu einem nachindustriellen Land der Dienstleistungen, der Informationstechnik und Kommunikation geworden. Die Entwicklung der letzen Jahre in den Industrieländern hat für viele Millionen Menschen ein Leben in Freiheit und Wohlstand gebracht. Gleichzeitig hat das moderne Leben auch viele Menschen vom wirklichen Leben entfremdet. Leben findet für viele oder immer mehr Menschen nur noch indirekt oder aus zweiter Hand statt. In unseren westlichen Gesellschaften steht die Nützlichkeit im Vordergrund. Die Menschen ordnen sich ein und unter und suchen doch auch alle ihre persönliches Glück. Es sind Gesellschaften des Pluralismus und der individuellen Freiheiten. Die alten traditionellen gesellschaftlichen Bindungen zählen heute nicht mehr. Die Menschen haben Freiheit geschmeckt und zahlen jetzt den Preis der Freiheit. Werte wie Traditionen, Moral, Ethik, Religiosität, Geschichte scheinen die Relikte einer Vergangenen Zeit zu sein. Der Mensch will die Zukunft gewinnen, modern sein. Die Aufklärung wollte den Menschen aus seiner Unmündigkeit befreien und ihn zum selbständigen Leben befreien. Aber heute merkt der Mensch, dass es ohne Werte, ohne Tradition und ohne Geschichte – also ohne eine Einbettung in einen geschichtlichen und gesellschaftlichen Rahmen für´s Leben,  nicht geht. Was ist Leben? Menschen meine das Leben ergriffen zu haben und merken doch oft später dass es nicht Leben war. Die Massenmedien haben für viele Menschen die Vorlebe- und Vordenkerrolle übernommen. Und viele Menschen merken später dass sie die betrogenen und benutzten waren.  Der Mensch ist in das Leben hineingeworfen und ist mit seiner Sorge um das Leben und mit seiner Existenz zum Tode hin konfrontiert. Der Mensch ist autonom geworden und muß jetzt selber seine Existenz immer wieder neu definieren. Auch die Kirchen haben ihre angestammte Rolle und damit ihre Bedeutung und Autorität verloren. Heute kann sich jeder ohne Probleme aus dem großen Angebot des religiösen Marktes das für ihn passende aussuchen. Die Menschen sind nicht mehr festgelegt auf eine Kirche sondern es gibt eine große Offenheit für alle religiösen Strömungen. Bei vielen Menschen ist auch eine neue Sehnsucht nach religiöser Erfahrung erwacht. Wenn wir wissen wollen, was Gott vorhat, müssen wir die Zeichen der Zeit erkennen und beurteilen.
Die meisten Menschen leben westlich orientiert oder streben zumindest nach den Errungenschaften der westlichen entwickelten Länder. Während die westlichen Staaten das Industriezeitalter schon überwunden haben und sich nun schon zu nachindustriellen Kommunikation- und Dienstleistungsgesellschaften weiterentwickelt haben, steht vielen sogenannten Schwellenländern dieser Entwicklungsschritt noch bevor. Es ist eine zutiefst zwiespältige Welt in der wir leben. Während die Menschen in den westlichen Staaten in relativem Frieden,  in  Freiheit und im Wohlstand leben, gibt es in anderen Gegenden das krasse Gegenteil. Viele hatten die Hoffnung, dass nach dem kalten Krieg die Atomwaffen abgeschafft werden und die Welt sicherer wird. Das Gegenteil ist eingetreten; die Welt ist sehr viel unsicherer als vorher. Was vorher von kühlen Militärs kontrolliert wurde, ist heute auch sogenannten Schurkenstaaten und sonstigen Extremisten, Terroristen und Verbrechern zugänglich. Außerdem ist die Menschheit von einer Klimakatastrophe bedroht. Es wird immer schwieriger werden die stark wachsende Weltbevölkerung mit Wasser und Nahrung zu versorgen. Durch die Klimaerwärmung kommt es zu Wassermangel und Mangel an fruchtbarem Boden und dadurch zu einem wachsenden Migrationsdruck aus den besonders stark betroffenen Staaten. Für viele Menschen in den armen Ländern geht es inzwischen um das nackte Überleben. Wassermangel, Nahrungsmangel, wachsende Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung werden die großen Probleme der Menschheit in nächsten Jahrzehnten sein. Dabei sind  Institutionen, die für Ausgleich sorgen könnten,  immer weniger dazu in der Lage. Die wachsende Technisierung hat die Menschen auch in eine wachsende Abhängigkeit von der Technik geführt. Ohne eine funktionierende Technik wären die Menschen in den westlichen Staaten gar nicht mehr überlebensfähig. Das zeigt sich besonders bei Naturkatastrophen. Die Risiken werden immer unkalkulierbarer. Genauso wie der hochtechnisierte Westler immer mehr von seiner Technik abhängig wird, so sind die Finanzmärkte abhängig von Spekulanten und geldgierigen Finanzjongleuren. Ein weiteres Problem dieser Welt ist die Ungerechtigkeit. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer mehr auseinander. Da ist es auf der einen Seite die Ungerechtigkeit zwischen den reichen und armen Ländern und auf der anderen Seite der wachsende Unterschied zwischen den Reichen und Armen in den westlichen Staaten selber. Der Druck der Nichtbesitzenden auf die Besitzenden wird immer größer werden und viele Menschen haben Angst zu den Verlieren zu gehören. Unsere Väter haben alles Aufgebaut, die heutige Generation ist die der Besitzstandwahrer und unsere Kinder werden alles bezahlen müssen. Ein weiterer Krisenherd auf dieser Welt ist der Unfriede im nahen Osten; besonders zwischen Israel und seinen Nachbarn. Nachdem Israel wiedervereint ist, ist das Land ein Pfahl im Fleisch der Anrainerstaaten. Es ist durchaus möglich, dass sich der wachsende Hass einmal in einem gewaltigen Schlagabtausch mit unabsehbaren Folgen für den Weltfrieden auswächst. Der Mensch hat mit seiner Wissenschaft, mit seiner Technik und des wirtschaftlichen Wachstums sehr viel erreicht. Aber es wird auch deutlicher, dass es immerwährendes Wachstum nicht geben wird. Ein neuer Versuch neue Verdienstmöglichkeiten für die Wirtschaft zu generieren, ist die Biotechnologie. Der Mensch will nicht mehr aus schon vorhandenen, immer knapper werdenden Rohstoffen Konsumgüter und Maschinen herstellen um damit Geschäfte zu machen, der Mensch will sich selber zum Schöpfer neuen Lebens aufschwingen. Der Mensch begibt sich mal wieder auf einen Weg, wo es kein Zurück mehr gibt. Die Folgen und Gefahren dieser neuen Technik sind heute noch überhaupt nicht absehbar und kalkulierbar. Der Mensch gibt sich gerne der Illusion hin alles im Griff zu haben. Aber das ist schon lange nicht mehr der Fall. Der Mensch ist abhängiger und verwundbarer als je zuvor.
Wir leben in einer zutiefst zwiespältigen Welt. Es ist zu beobachten, dass die Welt immer mehr in Irrationalität versinkt. Die Gier und die Spekulation beherrschen die Finanzmärkte. Ernsthaft Politiker und Funktionäre bemühen sich darum in das Finanzsystem Sicherungen ein zu bauen, damit in Zukunft die Lage nicht ganz außer Kontrolle gerät. Auf der anderen Seite sitzen die Spekulanten schon in den Startlöchern und suchen nach der nächsten Blase die sich auftut um daran wieder zu verdienen. Politiker passen sich der neuen Lage auch an. Es werden Ängste geschürt, Meinungen manipuliert, Emotionen geweckt und Massen mobilisiert um an die Macht zu kommen. Im Namen der Freiheit lassen sich Separatisten feiern. Die Welt strebt auseinander und der Egoismus wächst. Gleichzeitig merken alle, daß keiner mehr für sich allein die zukünftigen Probleme der Welt wird meistern können sondern nur wenn alle Länder wirklich an einem Strang ziehen können die Probleme gelöst werden. Aber den großen Konzernen geht es scheinbar nur noch um Aktienkurse und die Mitarbeiter werden immer mehr zu einem anonymen Kostenfaktor. Wo ist das Vertrauen, welches dafür nötig wäre um die Menschheit noch zu retten. Vertrauen ist heute das größte Problem in einer Zeit, wo alles auseinanderfällt. Das fängt schon in der Familie an. Bei einer Scheidungsrate von mindestens 30 Prozent - wie können Kinder da Vertrauen lernen. Wissenschaft ist ein Mittel um die Naturvorgänge zu beschreiben und dafür die Naturvorgänge dem Menschen nutzbar zu machen – das gelingt ihr ja auch in einem gewissen Umfang.  Wissenschaft ist aber auch Bescheiden geworden, weil sie keinen Wahrheitsanspruch mehr für sich reklamieren kann. Von der Politik wenden sich auch immer mehr Menschen ab – sie hat in den letzten Jahren sehr viel an Kredit verspielt. Den Kirchen traut auch keiner mehr was zu. Der Wirtschaft geht es scheinbar nur noch um Gewinnmaximierung. Und wer trägt schon sein Geld heute noch mit ruhigem Gewissen zur Bank.
Auf was können wir uns heute noch verlassen? Alles ist im Fluß, ein Ziel, ein Sinn ist nicht zu erkennen. Viele Menschen sehnen sich nach etwas Verlässlichem, was ihrem Leben Richtung, Ziel und Sinn gibt. Was sind Ziele für die es sich lohnt sich einzusetzen möglicherweise zu sterben? Viele Menschen haben Sehnsucht nach echter Begegnung und nach Wirklichkeit. Von den Massenmedien wird dieser Trend auch bedient. Aber auch dort ist der Mensch der Betrogene und Belogene. Alles ist nur noch Schein und Unterhaltung - nichts mehr ist wirklich.            

Alles Irdische kann uns letztendlich nicht das geben was wir wirklich brauchen. Und auf alles Irdische ist letztendlich kein Verlaß. Aber wir haben heute die Chance Gott ganz neu zu begegnen. Nur im Dialog mit dem lebendigen Gott kann ich feststellen wer ich wirklich bin und wer ich sein soll. Und nur Gott kann mir deutlich machen was ich tun soll. Unser Leben soll wahr werden. Nicht was wir theoretisch über Gott zu wissen meinen zählt sondern nur was wir mit Gott erlebt haben. Und nur das hat Zeugniskraft und kann die Welt verändern. Wir müssen nicht über Gott reden sondern mit Gott reden und anfangen Schritte des Glaubens zu gehen. Nur so kommen wir zu begründeten und elementaren Aussagen über Gott. Und nur so kann sein Reden die Welt verändern. Gott ist der verborgene Gott aber Er lässt es zu, dass wir uns ein Bild von Ihm machen. Ohne ein Bild von Ihm können wir mit Ihm keine Gemeinschaft haben – und das ist sein erklärtes Ziel: dass wir Ihn anbeten in alle Ewigkeit. Das Bild von Gott hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte ständig verändert. Es ist tiefer, bunter, vielfältiger geworden. Das kommt weil Menschen sich immer wieder, wenn die Zeit reif war, mit ihrer ganzen Persönlichkeit auf diesen Gott eingelassen haben und offen waren für sein Reden und Handeln. Sie haben Sein Handeln auf ihr Leben  bezogen in ihre Zeit hineininterpretiert und das bisherige Bild von Gott damit bereichert. Auch heute will uns Gott ganz neu begegnen.

 

 

Gerold Ahrens, 23.1.2009


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